Pflanzen und Tiere in der Elisabeth-Kirche zu Marburg

Die Elisabeth-Kirche als Wunder der Architektur zu sehen, sind wir gewohnt. Wie häufig von Kunsthistorikern bis in Einzelheiten beschrieben und auch vermessen, ob sie nach dem „Goldenen Schnitt“ errichtet wurde, auch dies wissen wir. Doch die Kleinigkeiten wie Tiere und Pflanzen lassen sich erst bei näherem Hinsehen entdecken.

Letztere hat Richard Hamann als „Laubwerk“ charakterisiert. So lugen zwischen dem Laub des Weines auf dem hölzernen Bogenaufsatz des Lettners Blattgesichter, „Laubmasken“, hervor. Am unteren Teil sind zahlreiche Fabeltiere paarweise angeordnet erkennbar.

Bevor wir die Kirche betreten, fällt am Westportal auf den Eichenholztüren der Eisenbeschlag aus Efeublättern auf. Die Marburger Künstlerin, Helmi Ohlhagen, hat sie 2008 zum Vorbild ihres Elisabeth-„Herzen“ für den Spiegelslustturm genommen. Mit seiner Eigenheit drei verschiedene Blattformen, drei-, fünf- oder spitzblättrig, bilden zu können, kann der Efeu auch als Symbol der Dreifaltigkeit gedeutet werden. Seine immergrünen Blätter, seine Winterfestigkeit und die Fähigkeit durch seine Klammerwurzeln sich hartnäckig im Boden oder an der Mauer zu verankern, lassen ihn „ewig“ erscheinen, versinnbildlichen Treue und Beständigkeit. Ein schmales Band mit  spitzblättrigem Efeu umrankt das Hauptfeld im Tympanon. Maria mit dem Kind unter dem Baldachin ist dort zwischen zwei Engeln von blühenden Rosen und von Weinlaub, Sinnbilder für die Mutter Gottes und für Christus, umgeben. Zwischen den Trauben der Weinblätter sitzen pickende Vögel. Über dem Hauptfeld des Tympanons finden sich in den Bogengewänden neben dem Efeu unter dem Weinlaub auch die Blüten einer Hahnenfussart. Auf den Kapitellen unterhalb des Tympanons und dem Hauptpfeiler in der Mitte zwischen den Türen, auf dem Maria steht, sind Pflanzenblätter angebracht, wie der stark zerteilte Beifuss und Eichenblätter. Am Fuße der Bogengewände sind Ungeheuer, Fabelwesen, sichtbar. Sie sollen das Böse abwehren. Solche Wesen finden sich versteckt auch am Aufgang zur Orgelempore und an der Rückenwand innerhalb des Elisabeth-Mausoleums.

Der Baldachin des Mausoleums ist reich geschmückt mit Blättern von Heilpflanzen. Zur Bauzeit der Kirche geriet die „Natur“ mehr in den Blick des Menschen. Hildegard von Bingen und Albertus Magnus beobachteten und meditierten über Pflanzen nicht nur als Geschöpfe Gottes, sondern über deren Wirkung auf den Menschen, seinem Körper und seinen Krankheiten. Schön und realistisch sind die Blätter und teilweise auch die Blüten des Hahnenfusses, der Linde, der Ackerwinde, des Ahorns, des Klees, der Zaunrübe, des Weines und des Beifusses gemeißelt. Die Kapitelle der Säulen in der spätgotischen Sakristei tragen deutlich Eichenblätter, das eiserne Tresorgitter über dem Schrein Weinlaubblätter. Der Pflanzenschmuck an den Grabmalen im Landgrafenchor oder an denen der Landkomture ist beachtenswert. Schöne, dicke Quitten, es können auch Granatäpfel gemeint sein, sind am barocken Grabdenkmal des Komturs Philipp Leopold von Neuhof auf der Nordseite des Ostchores zu bewundern. Blätter tragen auch die Schlusssteine im Gewölbe der Chöre, im Mittelschiff und die Kapitelle an diesen Stellen, wie auch diejenigen der schmalen Maßwerkfenster im Innern der Kirche. Darunter ist am Fuße eines Maßfensterkapitells auf der Nordseite des Langhauses das Blatt des Pfeilkrautes zu entdecken. Diese Wasserpflanze gedeiht heute noch im Neuen Botanischen Garten. Nicht weit davon dient ein Widderkopf als Stütze.