Johannes Friedrich Lange zum 200. Geburtstag

Friedrich Lange Fotoquelle: Bildarchiv Marburg

Vortrag von Renate Lührmann anlässlich des 200. Geburtstages von Johannes Friedrich Lange

Vortrag am 17. November 2011 in der Elisabethkirche

Dies Jahr - 2011 - am Tag des Offenen Denkmals konnten wir an ihm nicht vorbeisehen: Friedrich Lange.

„Das 19. Jahrhundert“ war dies Jahr am 11. September deutschlandweit Thema des Denkmaltages, das 19. Jahrhundert mit „Romantik, Revolution, Realismus, Historismus“, da kommt man in Marburg, jedenfalls in der Elisabethkirche, an Friedrich Lange nicht vorbei. Das war doch der, der die Elisabethkirche so historistisch restauriert hat – in der Mitte des 19. Jahrhunderts – nach der Ketzerbachüberflutung am 3. August 1847…? Ach ja, und das Hygiene-Institut, ursprünglich Alte Chirurgie, fällt einem vielleicht noch ein. Und war da was mit der Ketzerbachüberwölbung? Marmortafel? Uns wird bei Vorbereitung und Durchführung dieses Denkmaltages am 11. September 2011 jedenfalls klar, dass es unsere Kirche so nicht mehr gäbe ohne ihn, dass wir sie im Grunde mit seinen Augen sehen und dass dennoch selbst wir seinen 200. Geburtstag in diesem Jahr übersehen haben:

Am 5. April 1811 war er in Kassel als jüngster Sohn des kurfürstlichen Wasserbaumeisters1 geboren worden, am 1. September 1870 war er in Marburg als immer noch nur außerordentlicher Professor an der Philosophischen Fakultät gestorben.

1850, drei Jahre nach dem 3. August 1847 mit seinen Ketzerbachfluten, schreibt Johann August Koch in seinem aktuellen Marburg-Stadtführer2:

 Das "Innere der Kirche ist gleichsam in eine Ruine verwandelt worden" und weiter: "Längst vor diesem Unglücksfalle lag es im Willen der Regierung, dem Innern eine neuere und  zweckmäßigere Einrichtung zu geben; hoffen wir, daß das, was vorher nur wünschenswert war, jetzt aber zur äußersten Notwendigkeit geworden ist, bald seine genügende Erledigung finden möge, …"

Wir haben hier am 11. September und den beiden folgenden Samstagen vor dem mit Langes Heiligen wiedergefüllten Lettner die Reaktionen auf den Wolkenbruch über Marbach am 3. August 1847 und ihre Vorgeschichte ausführlich berichtet:

60 Reichsthaler waren von Landbaumeister Heinrich Regenbogen eingeplant, um "den zwischen Schiff und Chöre befindlichen steinernen Scheid nebst Altar wegzumachen u. über Seite zu schaffen" Ja, der "steinerne Scheid" sollte nun doch endlich fallen, dieser "dem jetzigen Zwecke" – nämlich dem evangelisch-lutherischem Gottesdienst – "hinderlich entgegentretende steinerne Scheid, durch den der schöne Theil der Kirche versperrt ist, durch dessen Entfernung eine freie Ansicht des ganzen Inneren der Kirche bis zum Hochaltar im Chor sowie ein passender Platz für die Kanzel an einem der Hauptpfeiler und mehr Raum für Stände im Schiff der Kirche gewonnen würde. Wodurch eine Vereinigung des Zweckmäßigen mit dem Schönen erreicht würde."

Und über Friedrich Langes leidenschaftlich engagierten und auf sorgfältigste Befunduntersuchung und profunde Kenntnisse gestützten rettenden Plan haben wir berichtet, im Auftrag der kurhessischen Regierung in Kassel "eine Herstellung des Zustands der Kirche im Inneren, wie solcher nach ihrer Vollendung vor Jahrhunderten bestand" zu bewirken, "[dies Kunstwerk] in seiner ursprünglichen Reinheit und Schönheit wieder herzustellen, wie es aus der Hand der Meister, welche es schufen, hervorging."

Die 600-Jahrfeier der Kirchenweihe am 1.Mai 1883 bot Gelegenheit, es ihm zu danken. Kein Geringerer als Ludwig Bickell schrieb die Festschrift Zur Erinnerung an die Elisabethkirche zu Marburg3, darin die Würdigung des Denkmalschützers für den Denkmalschützer:

"Es war ein Glück, daß der sog. Wolkenbruch 1847 aus dem alten Schlendrian aufrüttelte, indem er eine Herstellung der Kirche unvermeidlich machte. Diese gestaltete sich … zu einer durchgreifenden stylgemäßen Restauration, zu welcher Professor Lange, dessen gründliche Studien des Mittelalters ihn hierzu befähigten, berufen wurde. Es läßt sich nicht leugnen, daß heutzutage manches anders, vielleicht besser auf Grund unserer Fortschritte in der kirchlichen Archäologie restauriert worden wäre; um die Verdienste Lange’s jedoch im rechten Licht erscheinen zu lassen, muß man nicht nur berücksichtigen, was er gethan, sondern auch, was er verhütet, was andere an seiner Stelle oder vielmehr, was die andern, welche die Sache ohne ihn zu leiten gehabt hätten, gethan haben würden. So muß auf Grund der auf hiesigem Staatsarchiv vorhandenen Tagebücher und Akten Lange’s vor allem hervorgehoben werden, daß allein seiner Energie und Sorgfalt die Erhaltung der ursprünglichen Disposition der Kirche zu verdanken ist. Er allein hat nämlich die Beibehaltung des Lettners und damit alles dessen, was damit zusammenhängt, durchgesetzt, nachdem die oberste Baubehörde denselben behufs „Freilegung des Innern“ zu beseitigen beschlossen hatte. Mit welcher Sorgfalt und technischen Gediegenheit [auch] alle kleineren Herstellungen bewirkt sind, wird jeder genügend technisch geschulte … Fachmann erkennen; daß hin und wieder ein Farbenton nicht die archäologisch richtige Nuance traf, … fällt kaum ins Gewicht."

Das Letztere hatte sieben Jahre zuvor Carl Schäfer, seit 1871 Friedrich Langes Nachfolger als Universitätsarchitekt und auch als Vollender der Kirchenrestauration, viel negativer beurteilt4, unbarmherzig tadelte er die "modern erfundene, wesentlich vereinfachte Abfärbung, welche viel blassere, oft nur wenig harmonisch zusammenstehende Töne" zeige, dennoch von den vielen Besuchern zwar "oft als bunt und unharmonisch getadelt", aber doch für "die Erneuerung des mittelalterlichen Zustandes" gehalten werde. Unbarmherzig zitiert er Lange gegen Lange. Er hatte nämlich von der kurfürstlichen Regierung in Kassel den Auftrag erhalten, ein "Inventarium aller an und in der Elisabethkirche erhaltenen Kunstwerke und Denkmäler" zu erarbeiten und tat, was seit ihm alle getan haben und tun, die sich näher mit der Elisabethkirche befassen: Er las den "durch die Hand des Künstlers, der die Restauration leitete", geschriebenen "eingehenden" Befundbericht und Wiederherstellungsplan vom Januar 18495 als das "mit außerordentlichem Fleiß und einer angesichts der Entstehungszeit überraschend großen Sachkenntnis geschriebene Zeugnis über den Bestand vor dieser Restauration – uns aufbewahrt" samt Langes Handakten und Tagebüchern in dem berühmten Bestand des Hessischen Staatsarchivs Marburg H171. Und er veröffentlichte dieses "uns aufbewahrte Zeugnis" Langes über die ursprüngliche Farbigkeit der Elisabethkirche erstmals im Druck, indem er es 1876 nur wenig gekürzt in seinem Aufsatz "Gotische Wandmalereien in Marburg" zitierte6. So rief er Lange zum Augenzeugen der ursprünglichen Farbigkeit der mittelalterlichen Architektur und zum Zeugnis gegen Lange auf und stellte fest, "daß die sämtlichen Schlußsteine in ihrer Bemalung ganz getreu, das Rankenwerk auf den Chorgewölben …annähernd echt, alles übrige wesentlich abweichend von der alten Färbung übermalt erscheint." 7

 Anders in der Sakristei: "Wie in der Kirche, so war auch hier die Farbdekoration erhalten. Sie ist hier seitens des Restaurators mit größter Pietät behandelt und mit fast absoluter Treue erneuert worden." 8

Im Inventarium 1873 hatte er wieder und wieder das sorgsame Sichten und Sammeln durch „R.“ = „die Restauration“ = den meist ungenannt bleibenden Lange angemerkt, zuerst für die Fenster, die "durch Lange viele Ergänzungen und die gegenwärtige Anordnung erhielten …die Verbleiung größeren Teils, und zwar geschickt, erneuert." (Dadurch vor dem seit Jahrzehnten fortschreitenden Verfall gerettet!) "Dagegen …die Gläser zu den Ergänzungen, besonders die weißen, blauen und fleischfarbenen, sehr unglücklich gewählt." 9

"Chorschranken …nach an den Pfeilern erhaltenen Spuren des Anschlusses erhalten." Beim "Chorgestühl sind die Säulchen der vorderen Brüstung (getreu) erneuert." 10

"Die R[estaurierung] des Retabulums (= Altars) in bezug auf Ergänzung des plastischen Ornaments und Auffrischung der Polychromie muß trefflich genannt werden." 11

"Die Bemalung des Lettners ist gut hergestellt worden, die Figuren der Seitenfelder sind unpolychromiert geblieben." 12

Wir wissen, warum. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm I. hatte nach seinem Besuch im Sommer 1858 am 1. September die Farbigkeit der Figuren ausdrücklich verboten, am 3. September erlässt die kurhessische Regierung in Kassel die entsprechende Verfügung, das Marburger Konsistorium und besonders der neue Pfarrer Philipp Kümmel (1858 Oberpfarrer u Superintendent) greift sie dankbar auf – die Pfarrer der Elisabethkirche hatten sich zuvor schon als keineswegs begeisterte Zeugen oder gar Partner von Langes bahnbrechender epochemachender Entdeckung der mittelalterlichen Einheit von Architektur, Farbigkeit und Ausstattung gezeigt.

Langes Ziel, dieses "Denkmal der Vorzeit, dieses Denkmal der Frömmigkeit und der durch lebendigen Glauben erzeugten und zur hohen Blüte gediehenen Kunst unserer Voreltern als eine lesbare Urkunde"  zu bewahren "…Denn gewiß läßt sich der Entwicklungsgang eines Volkes kaum besser erkennen, als aus den von ihm zurückgelassenen Werken der Kunst" - dieses Ziel erwies sich für Lange im kurhessischen Marburg als unerreichbar. Gegen den 1770 -1830 vorherrschenden Klassizismus, der bei den Restaurationen der mittelalterlichen Kugelkirche 1823-27 und der mittelalterlichen Pfarrkirche 1828-30 zu erheblichen nicht stylgemäßen Eingriffen geführt hatte und der durch Landbaumeister Nicolaus Arends "fleischfarbene Wasserfarbe" auf der Gemeindeseite des „Scheids“ bis in die Elisabethkirche gedrungen war, und gegen die Verfügung 1843, dass das Innere aller Kirchen weiss zu sein habe, hatte Lange einfach keine Chance – zumal ausdrücklich aktualisierend "ein höheres Machtgebot weiß verlangt haben soll". 13

Die Gemeinde, vertreten durch ihren Pfarrer Kümmel, fragte vielmehr ungeduldig, "ob das Kirchengebäude um seiner selbst willen oder um des Gottesdienstes willen da sei?" Denn ungeduldig wartete seit Dezember 1847 die Gemeinde auf das Ende der Behelfsmäßigkeit der Gottesdienste im behelfsmäßig hergerichteten Michelchen. Das kurhessische Ministerium war in Kassel und Marburg mit anderem beschäftigt: 1848/49 Revolution, 1850 Reaktion, Strafbayern; Gelder und Leute waren durch den Anschluss 1850 an die Main-Weser-Bahn gebunden.

Zwar beauftragte man im September 1849 den Architekten und Zeichenlehrer am Fuldaer Gymnasium und Restaurator der Kirche des Klosters Haina (Johannes) Friedrich Lange (1811 – 70) mit der Wiederherstellung der verwüsteten Kirche in Marburg und 1851 zog er als  Universitätsarchitekt und außerordentlicher Professor der Philosophischen Fakultät nach Marburg, 1852 mit einem Dr. phil. h.c. geehrt, aber erst ab 26. Juni 1854 beginnt – und zwar mit sorgfältigen Grabungen im Landgrafenchor ab dem 10. August– endlich seine Arbeit – volle 7 Jahre sind seit der Ketzerbachkatastrophe ungenutzt vergangen – weitere 7 Jahre sollte noch die Gemeinde immer ungeduldiger bis zum Ostergottesdienst 1861 warten. Das Verhältnis zwischen den Pfarrern und Lange war sehr gespannt; und er musste die Kirche schließlich 1861 zur gottesdienstlichen Nutzung übergeben, obwohl ihre Wiederherstellung keineswegs abgeschlossen war.

Das Konsistorium referierte die Meinung einiger, "daß die Kirche, da ihre eigentliche Schönheit nicht in den Malereien und Ausschmückungen liege, …mehr in der Weise einer evangelischen Kirche hätte restauriert werden können. Eine etwaige Abweichung von den der Kunstgeschichte entnommenen Vorschriften … hätte wohl darin ihre Rechtfertigung gefunden, daß es hier nicht um ein bloßes Kunstwerk, sondern um eine wirklich im Gebrauche einer ev Gemeinde befindliche Kirche sich handelt." 14

Für Friedrich Lange aber konnte es eine Gegenüberstellung von bloßem Kunstwerk und  in Gebrauch befindlicher Kirche überhaupt nicht geben, ihn motivierte seine Einsicht in die Untrennbarkeit der Theologie und zugehörigen Liturgie von den Architektur- und Ausstattungsformen, in denen sie sich realisiert hatten. Die vollkommene Einheit zwischen beidem, die die Schöpfer der Elisabethkirche erreicht hatten, war es gerade, was Lange bewundernd und ehrfurchtsvoll erkannt hatte, sie vor allem war das, was er wiederherstellen wollte. Als "eines der schönsten und werthvollsten Werke der christlichen Kunst überhaupt" hatte er sie erkannt, und seine ganze Beschreibung, die er als "Abtheilung I, § 1. Allgemeiner Charakter, und Grundplan der Kirche" dem von ihm geforderten Gutachten zu ihrer Wiederherstellung voranstellte, orientiert sich an der Erklärung des Gesamtbaus und der Farb- und Figurenfüllung aus ihrer theologischen und/oder liturgischen Funktion und Bedeutung – ihrer Ikonographie, wie wir heute sagen : Lange muss zu den Vätern dieses heute unverzichtbaren Zweigs der Kunstwissenschaft gezählt werden. Wer immer heute die Elisabethkirche als Haus Gottes versteht und vermittelt, ist, ohne es zu wissen, Johann Friedrich Langes Schüler/in: Denn nach Carl Schäfer 1873 /76  und Kolbe, Bücking, Bickell zur 600-Jahrfeier haben im 20. Jahrhundert Küch, Wilhelm-Kästner, Hamann, Meyer-Barkhausen und schließlich H. Bauer, E. Leppin, J. Michler und M. Müller Langes damalige erste Gesamtdarstellung gelesen: im Bestand H 171 selbst oder/und in den jeweils älteren Büchern. Sie ist so zum nicht mehr autoren-gebundenen Allgemeinbesitz geworden, den wir alle ständig weitersagen. Aber sie ist noch immer nicht als Ganze gedruckt!  Im Hinblick auf die von ihm dargestellte, von ihm entdeckte und durch Schäfer dann betonte und publik gemachte Farbigkeit nicht nur der Fenster und Kunstwerke, sondern auch des Bauwerks  blieb er in der Tat hinter seinen eigenen Forderungen zurück, die Schäfer zu Recht einklagt. Erst nach der Ablösung des kurhessischen Ministeriums 1866 durch das preußische und der Entmachtung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. erlaubte er sich 1867 die Sakristei "mit größter Pietät[zu behandeln] und mit fast absoluter Treue[zu erneuern)" 15, wie Schäfer ihm bescheinigt hat.

Es ist wohl kaum möglich, Frustration, Ohnmacht, Verbitterung, Selbstzweifel, Aufbegehren nachzufühlen, die ihn beim unvermeidlichen Scheitern der von ihm selbst geforderten erneuernden Konservierung der ursprünglichen Farbigkeit ergriffen haben müssen. Sein verzweifelter Versuch, die mittelalterliche Farbigkeit unter klassizistischen Vorgaben  wiederherzustellen, ist bei der nächsten Restaurierung 1931 durch Hubert Lütcke verachtungsvoll "weggemacht und über Seite geschafft" worden. Aber der farbige Fußboden des Langhauses hat überlebt und der steinerne Vorhang um das Deutschordensgestühl in der Vierung - dank Ludwig Bickell!

Der erste staatlich bestellte Denkmalschützer Hessens hat das Werk seines unbestallten Vorläufers vor dem "Wegmachen und Überseite-Schaffen" bewahrt, indem er noch kurz vor seinem Tod 1901 die erste Heizung der Elisabethkirche nicht in den Kirchenboden, sondern an die Innenseite des Lettners hinter das Ordensgestühl und unter die in Haupt- und Seitenschiffen fest installierten Bankreihen legen ließ. Als 1997 jene erste Heizung abgebaut und durch die heutigen Heizkammern im Fußboden der Seitenschiffe ersetzt wurde, lag Langes Via Sacra vor unsern Augen, wie sie durch die sechs schmalen, ineinander überleitenden Joche des "viereckigen Bethauses des Volkes", bestimmt, "die Menge der zum Gottesdienst herbeigeströmten Gläubigen aufzunehmen", als Pilger- und Prozessionsstraße unübersehbar das Ziel weist und zu ihm hinleitet: "ein besonderer Altar…unter dem Namen heiliger Kreuzaltar dem Erlöser geweiht."

Die durch die Mosaikform und weiß-grüne Farbe der Kalksteinfliesen dieser gliedernden und weisenden Ornamentbänder hergestellte Beziehung in die ganz mit Mosaik ausgelegten drei Sakralräume hinter Kreuzaltar und Lettner ist mit Lütckes einheitlicher stufenloser Sandsteinplattung nicht mehr gegeben. Durch Johann Friedrich Langes Elisabethkirche können wir Sie nur noch auf Schwarz-Weiß-Fotos führen.