Das durch staatliche Entscheidung vor der Einschmelzung bewahrte Barlachkreuz

Detail des Kruzifixus von Ernst Barlach (Foto: Bernhard Dietrich)

In keiner Geschichte über die Elisabethkirche und das Kruzifix von Ernst Barlach fehlt eine Bemerkung über den mutigen Baurat Schwedes, der unter Einsatz von Amt und Leben das Barlachkreuz vor der Vernichtung bewahrt haben soll. Bei genauen Prüfung der Akten im Hessischen Staatsarchiv Marburg und im Landesamt für Denkmalpflege Hessen stellt sich die Sachlage jedoch etwas anders dar.

Es ist durchaus richtig, dass Baurat Wilhelm Schwedes am 6. Dezember 1938 das Bar­lachkreuz aus der Elisabethkirche in das Bauamt transportieren ließ, wo es bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einer Bodenkammer lag. Schon bei einer Begehung im Herbst 1936 hatte eine Kommission im Beisein des Oberpräsidenten Prinz Philipp von Hessen das Kunstwerk von Ernst Barlach als „entartet" eingestuft. Der Kirchenvor­stand, dem nahegelegt wurde, an Stelle des Barlachschen Christus ein anderes Kreuz anzubringen, stellte jedoch in einer Sitzung am 5. November 1936 fest, dass die Ge­meinde kein Interesse daran habe, den Barlachschen Christus auf dem Kreuzaltar gegen ein anderes Kunstwerk einzutauschen.

Um über ein stärkeres Druckmittel zum Zweck der Beseitigung verfugen zu können, beantragte Oberbaurat Henrich, der Chef des Staatlichen Hochbauamtes I in Marburg, am 31. Dezember 1937, die Besitzverhältnisse an dem Kreuz beim Regierungspräsi­denten in Kassel prüfen zu lassen. Der zuständige Oberbaurat August Bode in Kassel forderte daraufhin am 19. März 1938 beim Bezirkskonservator Dr. Friedrich Bleibaum die Akten über die Renovierung aus dem Jahre 1931 an, aus denen nur hervorging, dass die Bezahlung seitens des Ministeriums aus einem Sonderfonds erfolgt sei, nicht jedoch, wem das Kruzifix gehörte. Obgleich keine Schenkungsurkunde existierte, sah sich die Kirchengemeinde der Elisabethkirche als Eigentümerin an (StAMR 190a MR, 207).

Der Oberpräsident war bestrebt, einen Kompromiss herzustellen. Er hatte schon am 3. März 1938 der Gemeinde ein Standkreuz für den Kreuzaltar geschenkt, damit es Pfarrer Dr. Hans Schimmelpfeng leichter falle, das Barlachkreuz, den Stein des Anstoßes, bei­seite zu räumen. Und wirklich, Schimmelpfeng teilte dem Konservator am selben Tag mit, dass das Barlachkreuz vorerst auf dem Grab der Heiligen Elisabeth seinen Platz gefunden habe (Landesdenkmalamt, Elisabethkirche 1938). Auch der Kirchenvorstand musste nach einem Gespräch zwischen Pfarrer und Konservator in der Elisabethkirche Anfang Juli erkennen, dass ein Widerstand gegen die Regelung sinnlos war; folgerichtig erklärte er sich in der Sitzung am 4. Juli 1938 unter TOP 1: „Die Kruzifixe in der Elisa­bethkirche" bereit, den Vorschlag Bleibaums zu akzeptieren und u.U. auch das alte Hängekreuz, das 1931 abgenommen worden war, wieder anzubringen. So heißt es im Protokoll: Er ist bereit, dann statt des Barlachschen Kruzifixus das Geschenk des Prin­zen Philipp von Hessen auf den Kreuzaltar zu stellen, unter der Bedingung, dass die wiederholt gegebene Zusicherung gehalten wird, dass der Barlachsche Kruzifixus eine andere würdige Stätte innerhalb der Elisabethkirche findet (StAMR 190a MR, 74).