Gottesdienst am Sonntag Estomihi zum Nachhören und Nachlesen

Barlach-Kruzifix auf dem Kreuzaltar. Foto: Bernhard Dietrich

Wir feiern den Gottesdienst am Sonntag Estomihi (14.2.2021), dem Sonntag vor Beginn des Fastenzeit (Aschermittwoch), in der Elisabethkirche. Dieser wird mit beschränkter Teilnehmerzahl und unter Coronabedingugnen gefeiert. Gleichzeitig kann man den Gottesdienst nachhören, nachlesen und von daheim aus mitfeiern.

Gottesdienst Sonntag Estomihi

Propst Helmut Wöllenstein hält diesen Gottesdienst zum Thema Fasten (Predigttext Jesaja 58 5-9) - diesmal nicht nur über das Fasten, den Verzicht während der Passionszeit bis Ostern, sondern auch über die uns seit gut einem Jahr auferlegten Einschränkungen, einer Art "auferzwungenes Fasten", in verschiedensten Lebenssituationen.

Für alle die aus welchen Gründen auch immer nicht wie sonst am Gottesdienst in der Elisabethkirche teilnehmen können, bieten hier diesen zum Nachhören und zum Nachlesen an.

Nehmen Sie sich Zeit, zünden Sie ein Kerze an und versuchen alles eventuell Störende auszublenden und dann feiern Sie - verbunden mit der in der Elisabethkirche feiernden Gemeinde - den Gottesdienst aus der Elisabethkirche auf ihren Tablets und Bildschirmen.

Gottesdienst anhören

Gottesdienst am Sonntag Estomihi (14.2.2021) zum Nachlesen

mit Propst Helmut Wöllenstein

(es gilt das gesprochene Wort, im Folgenden: Manuskript)

Musik zum Eingang
Aus der Bach-Kantate 39: „Brich mit den hungrigen dein Brot“ die Arie für Sopran und Blockflöte:
„Höchster, was ich habe ist nur deine Gabe. Wenn vor deinem Angesicht ich schon mit dem meinen dankbar wollt erscheinen, willst du doch kein Opfer nicht.“


Begrüßung

Der Friede Gottes sei mit euch allen. Amen.

Herzlich willkommen zum Gottesdienst an diesem Sonntag. Er hat den Namen Estomihi. Das ist Lateinisch und heißt „sei mir“. „Sei mir ein starker Fels“, so beten wir gleich mit dem Psalm dieser Woche. Und das können wir gut brauchen in diesen Zeiten. Gott als ein Fels in der Brandung, ein Halt in all den Wellen.


Lied: EG 445 1+2 (Sologesang)

1. Gott des Himmels und der Erden,
Vater, Sohn und Heilger Geist,
der es Tag und Nacht lässt werden,
Sonn und Mond uns scheinen heißt,
dessen starke Hand die Welt,
und was drinnen ist erhält:

2. Gott, ich danke dir von Herzen,
dass du mich in dieser Nacht
vor Gefahr, Angst, Not und Schmerzen
hast behütet und bewacht,
dass des bösen Feindes List
mein nicht mächtig worden ist.


Psalm 31 EG 716 (im Wechsel)

Herr, auf dich traue ich,
lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!
     Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
     Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
Denn du bist mein Fels und meine Burg,
und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
     Du wollest mich aus dem Netze ziehen,
     das sie mir heimlich stellten;
     denn du bist meine Stärke.
In deine Hände befehle ich meinen Geist;
Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.
     Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
     dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich
     meiner an in Not
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
     Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche:
     Du bist mein Gott!
     Meine Zeit steht in deinen Händen.
Errette mich von der Hand meiner Feinde
und von denen, die mich verfolgen.
     Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht;
     und hilf durch deine Güte!
Gesprochenes Ehr sei dem Vater


Gebet:

Du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Gott, wie schön ist das.
Bei allem, was uns einengt zur Zeit, bei allem, was uns auf die Füße zu fallen droht, gibst du uns weiten Raum und freien Weg.
Und wir geben dir die Ehre.
Amen


Lesung: Jesaja 58 5-9

5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?
6Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du ein Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird dir hergehen und die Herrlichkeit de Herren wird deinen Zug beschließen.
9Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.


Glaubensbekenntnis


Lied: EG 420 1-3 (Sologesang)

1. Brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied,
teil mit den Einsamen dein Haus.

2. Such mit den Fertigen ein Ziel,
brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied.

3. Teil mit den Einsamen dein Haus,
such mit den Fertigen ein Ziel,
brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort.


Predigt

Fasten ist angesagt, liebe Gemeinde. 178 Millionen Treffer zeigt Google unter dem Stichwort an. Die Kampagne „sieben Wochen ohne“ ist längst kein Tipp mehr für kirchliche Insider. Mehr als die Hälfte der Deutschen will in Wochen vor Ostern auf etwas verzichten, 5 % aus religiösen Gründen. So jedenfalls stellt es sich vor einem Jahr dar, kurz bevor die Pandemie ausbricht.

Spannende Frage: Ist das Interesse immer noch so groß, wo wir seit einem Jahr zum Fasten gezwungen sind? In immer neuen Wellen: Einkaufs-Fasten, Reise-Fasten, Urlaubs-Fasten, Restaurant-Fasten, Live-Kultur-Fasten, Singe-Fasten, so dass einem inzwischen schon die Stimme fehlt; Abendmahls-Fasten, etwas von dem wir immer gesagt haben, es gehört unverzichtbar zu unserem Glauben, setzen wir aus; Ganz zu schweigen von dem, was viele immer stärker bedrückt: Kontakt-Fasten, Besuchs-Fasten, sich in die Arme nehmen Fasten – sich einfach die Handgeben Fasten. Oder das Fasten beim unbeschwert an die Arbeit gehen, wie es Erzieherinnen einer Kita doch immer gerne gemacht haben, oder Lehrer in der Schule, oder Pflegekräfte in Klinik oder Altenheim – mit ihrer generell hohen Motivation, für Menschen da zu sein. Und jetzt gehen viele wie gezwungen und morgens schon erschöpft an die Arbeit. Die Regierenden haben ja Recht, wenn sie uns zur Geduld aufrufen. Wir kommen nur durch wenn wir zusammen durchhalten. Zusammen! Durchhalten! Doch viele kommen an Grenzen. Können nicht mehr. Wir freuen uns auf ein Fastenbrechen. Wie alle, die mit dem Fasten Erfahrung haben und wissen, danach oder davor muss man aus sich rausgehen und feiern. Etwa das Zuckerfest nach dem Ramadan bei den Moslems. Oder das Osterfrühstück in den Kirchen. Oder auch Karneval, kurz vor dem Fasten, als Kontrast zu dem, was dann kommt. Leider ist das dies Jahr auch verschoben: Richtig aufdrehen, essen und trinken, lachen und lieben – sonst hält man eine dürre Zeit nicht aus.

Nun muss man auch sagen, nicht alles ist eingeschränkt durch Corona, manches hat sich einfach verschoben. Aus der Lust zu Reisen wurde die Lust, die Wohnung neu zu streichen. Und wenn man schon nicht ausgehen kann, wird zuhause gut gegessen – und getrunken. Da sitzt so manches Kilo Corona-Speck auf den Hüften. – Und das Liebesleben, zu Hause, zu zweit – so sagen es Soziolog*innen, hat im Lockdown durchaus seine Verlockung entfaltet. Ob es durch Corona einen Geburtenanstieg geben wird ist noch offen. Aber neulich konnte man in der Zeitung lesen, dass jetzt 70% mehr Kondome verkauft wurden als im Vorjahr. – Das hören Sie bitte als Randnotiz zum 14. Februar, heute, dem Valentinstag, wo sich Menschen in ihrer Liebe besonders gesegnet wissen dürfen.
Auch wenn es uns in diesem Jahr reicht mit dem Fasten, liebe Gemeinde, wird das eine spannende Erfahrung bleiben: Auf etwas verzichten. Abläufe unterbrechen. Das, was wir immer tun, in Frage stellen. Oft ist es einfach nur gesund: Anders essen, abnehmen, weniger Alkohol, weniger Sofa. Hier schränkst du dich ein – da wirst du frei. Hier machst du dich ärmer – da wirst du reicher. Hier hörst du etwas Altes auf und da machst du eine ganz neue Erfahrung. Fasten ist eine Menschheitserfahrung, uralt, in allen Kulturen verankert, in allen Religionen praktiziert.

Da fragt man sich, was der Prophet Jesaja meint, wenn er gegen das falsche Fasten wettert. Er sagt, man kann voll daneben liegen – auch mit einem äußerlich sehr korrekten Verzicht. Leute kasteien sich. Sie lassen den Kopf hängen wie Schilf, zeigen also auch öffentlich, wie ernst sie es nehmen. Sie betten sich in Sack und Asche, wie ganz arme Leute. Und das alles ist nicht, worauf es ankommt, sagt der Prophet. Die selbst auferlegten Übungen. Der demonstrative Verzicht. Es ist auch nicht die moderne Variante, wie wir sie bei uns heute finden: Fasten als Training für Disziplin und Selbstkontrolle. Fasten als Königsweg zur Selbstoptimierung. Fasten als Lifestyle. – Das ist nicht, was sich mit unserem Glauben verbindet, sagt der Prophet, diese Selbstbezogenheit. „Ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, ist: Lass los, die du mit unrecht gebunden hast“. Also, die von dir abhängig sind, in einem schrägen Machtgefälle, gib sie frei. Und „Brich dem Hungrigen dein Brot. Die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus, die Nackten kleide.“ – Es ist das, wovon Jesus später im Evangelium sagt: Das habt ihr mir getan! Die Werke der Barmherzigkeit – die hier bei uns in der Kirche in den Chorfenstern so wunderbar dargestellt sind von Elisabeth. – Das verknüpft Jesaja mit einem rechten Fasten. Er bindet das zusammen: Fasten und Gutes tun. Eine heilsame Übung für sich selbst mit dem, was anderen hilft. Und damit ist er ganz bei uns heute, ganz in der Gegenwart. „Brich dem hungrigen Brot“ das kann einfach heißen, wir spenden noch einmal kräftig für BROT FÜR DIE WELT, wo wir Heiligabend in diesem Jahr bei den kleinen Gottesdiensten nicht wie zuletzt 13 Tsd. Euro Kollekte hatten, sondern nur 3 Tsd. Und es ist ja nicht so, wie Kritiker sagen: Entwicklungshilfe kommt nicht an. Sie kommt an. Und sie bewirkt etwas. Die Armut nimmt ab weltweit. Vor 30 Jahren waren 35 % der Weltbevölkerung unter der Armutsgrenze, vor 7 Jahren waren es noch 11%. Da hat sich viel getan. Und es muss sich noch viel tun. Nicht nur dadurch, dass wir spenden. Auch dadurch, dass wir zum Beispiel Geflüchtete aufnehmen. Das, was Migranten an ihrem Zufluchtsort erarbeiten und dann in ihre Herkunftsländer überweisen, ist das Vierfache der weltweit geleisteten Entwicklungshilfe. Und es kommt natürlich der Entwicklung dort zugute.

Die Klimaveränderung ist einer der größten Armutsfaktoren weltweit. Im Klimafasten, das uns für die Passionszeit in diesem Jahr vorgeschlagen wird von „Misereor“ und BROT FÜR DIE WELT, kommt beides bestens zueinander: Fasten und Gutes tun. Wenn wir zum Beispiel weniger Fleisch essen, oder biologisch und regional erzeugte Produkte, tun wir etwas für das Klima, tun etwas für unsere Gesundheit und gegen die Armut in der Welt. Wenn wir das Onlineshopping im Rahmen halten, auf immer neue Textilien verzichten, die viel zu viel produziert und durch immer schneller wechselnde Mode-Labels immer mehr durch die Welt geflogen und gefahren werden, 6 Wochen getragen und weggeworfen, tun wir etwas für das Klima und gegen die Armut. Vielleicht müssen junge Leute bei uns solche spektakulären Aktionen machen, wie Bäume besetzen, damit wir als Gesellschaft noch viel gründlicher prüfen, welche Bäume bei uns gefällt werden und für was. Doch es braucht genauso ein Umdenken im Alltag, bei dem viele mitmachen, wo jeder kleine Schritt zählt. Es ist ja ganz enorm, was für eine Verheißung Jesaja an dieses rechte Fasten knüpft. Oder wie er die guten Erfahrungen, die wir mit dem Fasten machen können, zusammenfasst: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Heilung wird schnell voranschreiten. Wenn du rufst, wird Gott dir antworten, und wenn du schreist, wird er sagen: Ich bin für dich da.“


Lied: EG 412 1+2 (Sologesang)

1. So jemand spricht: »Ich liebe Gott«,
und hasst doch seine Brüder,
der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb und will, dass ich
den Nächsten liebe gleich als mich.

2. Wer dieser Erde Güter hat
und sieht die Brüder leiden
und macht die Hungrigen nicht satt,
lässt Nackende nicht kleiden,
der ist ein Feind der ersten Pflicht
und hat die Liebe Gottes nicht.


Fürbitten

Gott wir danken dir für alles, was wir zum Leben haben, trotz der Einschränkungen.
Du siehst auch, wo wir Mangel leiden.
Du siehst die Menschen, die arm sind.

Hilf uns mit anderen teilen, in kleinen Schritten und in großen. Lass uns die Veränderungen schaffen, die unsere Erde braucht.
Wir denken heute besonders an Hanau,
am kommenden Freitag vor einem Jahr
wurden dort 10 Menschen ermordet.

Wir trauern mit den Angehörigen und Freunden,
Der Schmerz ist immer noch groß;
die Wunde in der Stadt lange nicht verheilt.
Gott, gib den Trauernden Halt.
Steh ihnen bei, wenn in diesen Tagen die Gesichter wieder zu sehen sind
und die Namen genannt werden.

Lass uns hinschauen, wo Unrecht sich einschleicht.
Zusammenhalten wollen wir und aufstehen
für ein friedliches Miteinander in unserem Land.
Gegen Ausgrenzung, Fremdenhass und Gewalt.
Hören wollen wir, Gott,
auf dein schönstes Wort: Frieden- Schalom –Salam.


Vaterunser


Lied: EG 445 5 (Sologesang) Gott des Himmels und der Erden

5. Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort;
sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort.
Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.


Segen


Musik zum Ausklang: Bach Kantate 39, Schlusschoral:
„Selig sind, die aus Erbarmen sich annehmen fremder Noth, sind mitleidig mit den Armen, bitten treulich für sie Gott. Die behilflich sind mit Rath, auch, wo möglich, mit der That, werden wieder Hilf empfangen und Barmherzigkeit erlangen.“


Mitwirkende:

Liturgie und Predigt: Helmut Wöllenstein
Lesung: Christiane-Helene Poetsch
Gesang: Anne Kuppe (Sopran)
Blockflöte: Barbara Domes
Orgel: Nils Kuppe
Audioaufnahme: Nils Hahmann

 

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