Andacht zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag zum Nachlesen

Pietà im Elisabethchor der Elisabethkirche. (Foto: Christian Lademann)

Wir feiern eine Andacht zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag in der Elisabethkirche. Diese wird mit beschränkter Teilnehmerzahl und unter Coronabedingugnen gefeiert. Gleichzeitig kann man den Gottesdienst hier nun nachlesen, als Video anschauen und von daheim aus mitfeiern.

Andacht zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag

Pfarrer Ulrich Hilzinger hält diese Andacht über den stellvertretend leidenden Gottesknecht (Jesaja 52,12 - 53,13)

Für alle die aus welchen Gründen auch immer nicht wie sonst am Gottesdienst in der Elisabethkirche teilnehmen können, bieten hier diesen zum Nachschauen (als vorab aufgenommenes Video) sowie zum Nachlesen an.

Nehmen Sie sich Zeit, zünden Sie ein Kerze an und versuchen alles eventuell Störende auszublenden und dann feiern Sie - verbunden mit der in der Elisabethkirche feiernden Gemeinde - den Gottesdienst aus der Elisabethkirche auf ihren Tablets und Bildschirmen.

Andacht zur Todesstunde Jesu am Karfreitag (2.4.2021) zum Nachlesen

mit Pfarrer Ulrich Hilzinger

Musik zum Eingang: Choral

Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen,
was ist die Schuld, in was für Missetaten bist du geraten.


Begrüßung, Votum


Eingangsgebet

Also hat Gott die Welt geleibt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondernd as ewige Leben haben.
Johannes 3,16


Choral

Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an,
von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan,
dein Mund hat mich gelabet mit Milch und süßer Kost,
dein Geist hat mich begabet mit mancher Himmelslust.

kurze Stille


Schriftlesung Joh 19,16-30

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.


Choral

Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht,
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht,
wenn dein Herz wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdenn will ich dich fassen
in meinem Arm und Schoß.

kurze Stille


Predigt I

Liebe Gemeinde,
In unserer heutigen Gesellschaft brauchen wir einen gewissen Anlauf um verständlich zu machen, warum Jesus am Karfreitag am Kreuz starb. Menschen mit einem ersten Interesse fragen sich oft: Ist das nicht barbarisch, wenn Gott einen vorschickt – und dann noch seinen eigenen Sohn – der sich für ihn umbringen lässt? Und: Wieso will Gott überhaupt Blut sehen?
Berechtigte Fragen in unserer Welt. Gehen wir dem nach.

Unser Predigttext für den heutigen Karfreitag geht diese Frage von der Wurzel her an. Und die beginnt ca. 550 vor Christi Geburt für uns sichtbar zu werden, was zeigt: Gott hat einen Heilsplan für die Welt in dem Jesu Tod eine zentrale Rolle spielt. Da ist nichts zufällig.
Der Text ist das letzte der vier so genannten Gottesknechts-Lieder. Wir finden es in Jes 52,13- 53,12.
Diese Gottesknechtslieder sind prophetische Texte, was bedeutet, dass dem Schreiber ihre Tragweite noch gar nicht bewusst war. Wahrscheinlich dachte er an einen ganz bestimmten Mann oder eine Gruppe von Leuten, die man als "Gottesknechte" bezeichnen konnte, nicht aber an Christus.
Aber Jesus selbst fand sich hier auch schon angekündigt: Die wichtigen Stationen seines Lebens und v.a. seines Leidens und Sterbens wurden hier schon abgebildet und er selbst nimmt immer wieder Bezug darauf, verweist geradezu wie auf einen Fahrplan für seine Passion auf diese Jesaja-Texte.

Ich lese:
Jes 52,13- 53,12 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

53,1 Wer hätte geglaubt, was uns da berichtet wurde? Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Macht des HERRN sich auf solche Weise offenbaren würde? Denn sein Bevollmächtigter wuchs auf wie ein kümmerlicher Spross aus dürrem Boden. So wollte es der HERR. Er war weder schön noch stattlich, wir fanden nichts Anziehendes an ihm. Alle verachteten und mieden ihn; denn er war von Schmerzen und Krankheit gezeichnet. Voller Abscheu wandten wir uns von ihm ab. Wir rechneten nicht mehr mit ihm. In Wahrheit aber hat er die Krankheiten auf sich genommen, die für uns bestimmt waren, und die Schmerzen erlitten, die wir verdient hatten. Wir meinten, Gott habe ihn gestraft und geschlagen; doch wegen unserer Schuld wurde er gequält und wegen unseres Ungehorsams geschlagen. Die Strafe für unsere Schuld traf ihn und wir sind gerettet. Er wurde verwundet und wir sind heil geworden. Wir alle waren wie Schafe, die sich verlaufen haben; jeder ging seinen eigenen Weg. Ihm aber hat der HERR unsere ganze Schuld aufgeladen.
Er wurde misshandelt, aber er trug es, ohne zu klagen. Wie ein Lamm, wenn es zum Schlachten geführt wird, wie ein Schaf, wenn es geschoren wird, duldete er alles schweigend, ohne zu klagen. Mitten in der Zeit seiner Haft und seines Gerichtsverfahrens ereilte ihn der Tod. Weil sein Volk so große Schuld auf sich geladen hatte, wurde sein Leben ausgelöscht. Wer von den Menschen dieser Generation macht sich darüber Gedanken? Sie begruben ihn zwischen Verbrechern, mitten unter den Ausgestoßenen, obwohl er kein Unrecht getan hatte und nie ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen war. Aber der HERR wollte ihn leiden lassen und zerschlagen. Weil er sein Leben als Opfer für die Schuld der anderen dahingab, wird er wieder zum Leben erweckt und wird Nachkommen haben. Durch ihn wird der HERR das Werk vollbringen, an dem er Freude hat. Nachdem er so viel gelitten hat, wird er wieder das Licht sehen und sich an dessen Anblick sättigen. Von ihm sagt der HERR: »Mein Bevollmächtigter hat eine Erkenntnis gewonnen, durch die er, der Gerechte, vielen Heil und Gerechtigkeit* bringt. Alle ihre Vergehen nimmt er auf sich. Ich will ihn zu den Großen rechnen, und mit den Mächtigen soll er sich die Beute teilen. Denn er ging in den Tod und ließ sich unter die Verbrecher zählen. So trug er die Strafe für viele und trat für die Schuldigen ein.


Choral

Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe,
der gute Hirte leidet für die Schafe,
die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte,
für seine Knechte.


Predigt II

Ursprünglich könnte Mose, Josua, David oder Jesaja selbst gemeint sein. Oder der ganze Teil des Volkes Israel, der zur Zeit Jesajas ins Exil verschleppt wurde. Stellvertretend für das restliche Volk.

Jesus selbst war es dann aber, der diesen Text mit seiner Person in Verbindung brachte. Beispielsweise im Lukasevangelium: An mir muss sich das Schriftwort erfüllen: zitiert er dann aus Jesaja und kommentiert es gleich noch:
„Er wurde zu den Verbrechern gerechnet." Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung.
Auch in den anderen Evangelien aber ebenso in Briefen wird oft auf diesen Jesaja-Text Bezug genommen. Das beweist, dass es für die Menschen zu Lebzeiten Jesu schon schlüssig war: Dieser Text passte auf sein Leben. Man wusste ja, was passiert war.
Es heißt: Viele Juden hätten allein schon beim Lesen oder Hören dieses Textes eine Hinwendung, eine Bekehrung, zu Jesus erfahren. "Dieser Gottesknecht kann niemand anderes sein, als er!"
Das habe in den ersten Jahrhunderten solche Ausmaße angenommen, dass dieses Gottesknechtslied in der jüdischen Vorlesereihe ganz bewusst weggelassen wurde – um niemand sozusagen auf falsche Gedanken zu bringen.

Besonders wichtig wurde der Text, wenn es um die Deutung des Leidens und Sterbens Jesu geht.
An dieser Stelle ist die sogenannte „Lehre von der Rechtfertigung“ im AT verankert. Von hier lässt sich herleiten, warum Jesus was getan hat und was die Auswirkungen auf uns bis heute sind. Jesus bringt damit also keine neue Idee auf, sondern greift auf diesen viele Jahrhunderte alten Gedanken zurück.
Da heißt es beispielsweise: Er litt unsere Schmerzen. Er starb wegen unserer Schuld unter Gottlosen, und wurde danach nach Gottes Willen auferweckt.

Warum macht Jesus das alles mit? Das Leiden, den Schmerz? Warum duldet er alles, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und sagt nichts??
Ist das doch sozusagen Kadavergehorsam im wahrsten Sinne des Wortes: Da lässt sich einer schicken zum Umbringen, weil der Chef es so will? Ja noch schlimmer: Weil der Vater es so will?
Ist dieses blutige Opfer denn überhaupt mit etwas zu rechtfertigen? Oder ist dieser Gott nur grausam? Will er Genugtuung für das alles, womit ihn die Menschen entehrt und entheiligt haben? Will er Blut sehen?
Klare Antwort: Nein! Hier wurde nicht Gottes Zorn beschwichtigt. Und es wurde auch keine Genugtuung geleistet. Kein blutiges, besonders grausames Opfer, anstelle von Tieropfern wurde da gegeben. Etwas anderes steht dahinter. Nämlich:

1. Gott selbst kam in Jesus Christus und Gott selbst ging ans Kreuz. Gott selbst hat sich geopfert. Er hat keinen anderen vorausgeschickt!
Er selbst, ein Teil von ihm, ist gegangen! Wir nennen ihn den Sohn, weil wir keinen besseren Ausdruck für das Verhältnis dieses Teils von Gott zum restlichen Gott gefunden haben. Im Johannesprolog heißt er nicht nur Sohn, sondern auch „Das Wort Gottes“. Also: Das Wort Gottes; der Sohn; Christus geht –oder einfach „Gott selbst geht“. Als wenn ich sage: „Meine Hand greift einen Stock“ – und ich auch sagen könnte: „Ich greife einen Stock“
Christus ist Gott und Gott selbst geht ans Kreuz.

2. Alles was uns von Gott trennt, ist so fatal und so schwerwiegend, wie wir es uns nicht schlimmer vorstellen können.
Mit unserer Trennung von Gott und unserem Herausfallen aus seiner Ordnung haben wir unser Leben vor ihm verwirkt. Es ist nichts mehr wert vor Gott! Wie leichtfertig auch immer wir mit „Sünde“ umgehen; für Gott ist sie so schwerwiegend, dass sie überhaupt nicht wieder ins Reine gebracht werden kann. Das zeigt, wie ungeheuerlich ernst Gott die Sünde nimmt. Er nimmt uns wahrscheinlich ernster, als wir uns oft selbst. Alles Handeln hat Konsequenzen. Immer. Gute oder schlechte und irgendeiner profitiert davon oder muss dafür geradestehen: Rauche ich, mache ich viel Sport, esse ich gesund, fahre ich viel Auto, spiele ich viel am PC oder arbeite ich gerne im Garten: Alles hat irgendwelche Konsequenzen. So auch meine Distanz von Gott, die allein schon durch mein völlig anderes Wesen als auch durch meine Handlungen besteht.
Und deswegen sagt Gott uns: Nur dadurch, dass wir ganz neue, ganz andere Menschen werden, kann dieses Fern-Sein von ihm, diese Trennung beseitigt werden. Gott will neue Menschen aus uns machen, will uns nicht nur überholen, ausbessern oder flicken. Und ganz neu können wir nur werden, wenn alles Alte vorher stirbt und wiedergeboren wird.

Schließlich 3.
Diesen Part hat Jesus für uns übernommen: Er starb stellvertretend für uns und so geschieht unsere Erneuerung nicht durch unser Sterben, sondern durch Taufe, in der das alte stirbt; und durch Glaube.
Es ist wie bei einem Sportwagen nach einem schweren Unfall: verbeult und schief kann er zwar überholt werden, aber er wird nie mehr neu sein, höchstens wie neu aussehen. Erst wenn er verschrottet wird, in den Schmelzofen kommt, neuer Stahl und neues Aluminium aus ihm gegossen und weiterverarbeitet werden, erst dann kann ein ganz neues Auto entstehen. Nur so kann aus dem alten Fahrzeug ein neues werden.
So ist es auch bei uns. Erst wenn wir sterben, können wir danach ganz neue Menschen werden. Menschen, die Gott nahe sein können. Und genau das hat Jesus uns abgenommen! Er ist stellvertretend für uns gestorben und hat damit stellvertretend alles sterben lassen, was uns von Gott trennt.
Nicht zur Genugtuung Gottes, sondern weil Gottes Willen zu unserem Heil unermesslich groß ist! Und weil auch unser Anders-Sein Konsequenzen hat. Er will uns bei sich haben, aber die wesenhafte, vollkommene Verschiedenheit von ihm, macht das unmöglich. Wir sind sozusagen nicht dafür gebaut. Wir sind keine Sportwagen, die fürs Gelände tauglich gemacht werden sollen. Der einzige Weg geht für uns durch vollkommenes Neu werden. Und damit sind wir vor Gott gerechtfertigt: Unser Wesen ist nun vor Gott Christi Wesen. Wir sind vor Gott diesbezüglich nun wie er und damit entsprechen wir Gottes Maßstäben.

Der leidende Gottesknecht, Jesus der Christus, ist Vermittler und Werkzeug dieses Heilswillens Gottes. Wenn wir begreifen, welche Ernsthaftigkeit und Liebe ihn dorthin gebracht haben, können wir es um so besser dankbar annehmen. Er starb für uns, damit wir neue Menschen vor Gott sein können. AMEN


Arie

Erbarme dich, mein Gott um meiner Zähren willen!
Schaue hier, Herz und Auge Weint vor dir bitterlich.
Erbarme dich, mein Gott um meiner Zähren willen!

Kurze Stille

Gebet, Vater unser

Segen


Musik zum Ausgang: Choral

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zu Spott gebunden mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret, gegrüßet seist du mir.
Du edles Angesichte, dafür sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte, wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet, wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht'?

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