Video-Andacht für Karfreitag von Propst Helmut Wöllenstein, 10.04.2020

Propst Helmut Wöllenstein (Foto: Lademann)

Die Video-Andacht mit Propst Helmut Wöllenstein, Kantor Nils Kuppe und mit Gesangsbeiträgen von Anne , Salome und Jakob Kuppe wird hier ab Karfreitagmorgen, 10.04.2020 zum Anschauen, zum Hören und Mitfeiern freigegeben.

Gottesdienst aus der Elisabethkirche. Sie sind jetzt nun eingeladen, die Film- und Audiowiedergabe des Gottesdienstes unterhalb des Bildes links zu starten. Suchen SIe sich zuvor einen stillen Ort. Machen Sie es sich bequem. Vieleicht zünden Sie eine Kerze an. SIngen, lesen, hören und beten Sie mit. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen.

Video-Andacht für Karfreitag von Propst Helmut Wöllenstein

Andacht für Karfreitag
10. April 2020

von Propst Helmut Wöllenstein

 

Musik / Gesang:  Herr, stärke mich, die leiden zu bedenken, EG 91, 1 + 5 

 

Begrüßung / Eröffnung

 

Den Frieden lasse ich euch,
sagt Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen auf dem Weg in den Tod.
Meinen Frieden gebe ich euch
Nicht gebe ich euch wie die Welt gibt,
euer Herz erschrecke und fürchte sich nicht.

 

Im Frieden Christi feiern wir diese Andacht am Karfreitag.
Dazu begrüße ich alle aus der Elisabethkirchengemeinde und darüber hinaus. 
Räumlich getrennt, sind wir doch verbunden im Herzen, im Glauben und im Gebet.

 

Wir beten die Worte die Jesus am Kreuz gebetet hat.  Psalm 22, EG 709

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich dich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.
Unsere Väter hofften auf dich,
und da sie hofften halfst du ihnen heraus.
Zu dir schrien sie und wurden errettet.
Sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.
Sei nicht ferne von mir denn Angst ist nahe.
Denn hier ist kein Helfer.
Aber du Herr sei nicht ferne,
meine Stärke, eile mir zu helfen.

 

Musik / Gesang:  Kyrie eleison, EG 178.9

 

Lesung:  Johannes 19, 16 – 19

Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; Und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Amen

 

Ansprache

Ich stehe hier draußen vor der Elisabethkirche an einem besonderen Ort.  Meist fahre ich hier vorbei mit dem Rad. Und habe doch das Gefühl. Hier beginnt die Kirche. Es ist wie ein Tor. Zwischen der Kirchenmauer und dem Kreuz mit der Weide. Schon hier betrete ich einen besonderen Raum – und erst verlasse ich ihn wieder, wenn ich nach Hause fahre  unter dem Anblick des gekreuzigten Christus und mit seinem Segen.

Was ist das für Ort? Früher, vor vielen Jahren, war hier ein sogenannter Kreuzgarten. Der war von Mauern umfriedet. Daran waren Reliefbilder befestigt, ein Kreuzweg mit 14 Stationen. Diese biblischen Szenen zeigten den Weg, den Jesus durch das Leid gegangen ist bis zum Kreuz. Man hat diesen Garten bewusst an der Südseite der Kirche angelegt, der Stadt zugewandt, sichtbar und offen für die Menschen. Hier konnte man die Passionszeit, die 7 Wochen vor Ostern begehen. Hier wurden aber auch besondere Bittgottesdienste gehalten in Zeiten großer Not. Die alten Mauern sind lange verschwunden. Von den Bildern existieren noch zwei im Museum.  An dieser Stelle geblieben ist der Gekreuzigte. Das Werk stammt aus der frühen Barockzeit. Es ist wohl eine Nachbildung von einem älteren Kreuz, das auch an diesem Ort stand. So wie ein noch älteres, das vielleicht schon hier stand, als Menschen in Marburg massenhaft an der Pest gestorben sind und auch hier begraben wurden. Das Kreuz ist geblieben - oder wurde immer neu aufgerichtet. Wurde aufgesucht und angeschaut, durch die Zeiten. Die Krankheiten haben andere Namen und andere Erreger, doch was uns Menschen peinigt und Angst macht, was wir brauchen und was Halt geben kann, dafür steht dieser Christus. Das Bild des Gekreuzigten. Sein Weg.Und nicht erst im Sterben am Ende, schon in den anderen Schritten kommt er uns nah. Du siehst, wie einer ihn verrät,  und siehst dich selbst. Gerade noch hattest du gute Freunde, alle waren gut verbunden, doch jetzt wo es schwierig wird, reißt das Netz. Oder das Alleinsein, wie Jesus nachts im Garten.  Ja, die anderen sind noch dabei, körperlich in der Nähe irgendwie, und doch sind alle mit sich beschäftigt, du bist allein. Oder die Angst, die dich packen kann. Der du nie ängstlich warst, immer beherzt, mit Selbstvertrauen,  auf einmal ist es weg. Die Angst packt dich, und du kannst nichts machen.

Die Stationen auf dem Weg des Leidens brauchen kein Bild. Sie sind uns nah, gerade in diesen Tagen und Wochen.  Die ganze Welt ist ein Kreuzgarten.

Und darin dieser Blick. Auf Christus. Dieses Bild, das die Menschen sich hier an diesem Ort bewahrt haben durch gute und böse Zeiten. Dieser Glaube:  Einer soll bleiben, wenn alle gehen. Einer leidet so wie wir.  Er sagt nicht: alles wird gut, weil es nicht stimmt. Kein billiger Trost. Er leidet mit. Ist einfach nur da. Hier draußen vor der Kirche.  Auf dem alten Friedhof wird sichtbar. Jesus selbst ist diesen Weg gegangen. Er hat das schlimme Ende geahnt, und ist nicht ausgewichen. Er trägt es auch nicht wie ein Held, sondern er weint, hat Durst. Er schreit nach Gott „Warum hast du mich verlassen“. Er  hält keine Predigten. Aber er hält es aus.

Und wir? Wir schauen ihn an. Der da ist, wenn alle weg sind. Wir schweigen. Beten. Andere Menschen auf der Welt klagen, seufzen oder schreien.  Und er lässt sie. Er verurteilt keinen einzigen. Und gibt im Schweigen Halt. Den starken Halt, den nur ein Schwacher geben kann: Wir gehören zusammen. Du und ich. Von Gott und Menschen verlassen  – bin ich bei Dir.

Über dem Kreuz der Baum. Die Trauerweide. Nie schöner als jetzt im Frühling. So grün. So jung, frisch, saftig. Und doch auch mit einem ganz anderen Ausdruck: Wo alles andere aufblüht und nach oben strebt, da hängen ihre Zweige nach unten. Wie in Trauer. So als wäre alle Kraft aus ihr gewichen. Doch bei ihr gehört beides zusammen: Trauer und Lebendigkeit. Das Herunterhängen und der Lebenswille. Und die beiden sind ein Paar: Der sterbende Christus am Kreuz, in diesem alten, bröckligen, gerissenen und geflickten Sandstein  - und die Weide. Auch sie schon lange gefährdet, innen hohl gefault, voller Pilze, wird sie doch auch dieses Jahr wieder grün. Trotz der trockenen Sommer und der Abgase um sie herum.  Nehmen wir das Bild in uns auf. Schauen wir, wie der Wind durch die Weide fährt und sie bewegt. Sogar der Lendenschurz des steinernen Christus wird von einem Luftzug bewegt. 

Gerade bei all dem, was Menschen in diesen Tagen die Luft nimmt, dieser Lungenvirus, die Angst, das  Eingeschlossen sein zuhause, dicke Luft in der Familie. Dieser Ort sagt: Wir können auch aufatmen bei all dem Schweren in diesen Tagen. Wir können hoffen, dass Ostern wird, dass das Leben stärker sein wird als der Tod. Amen  

 

Musik / Gesang: O Haupt voll Blut und Wunden, EG 85, Verse 1 + 2 + 9

 

Fürbitten

Gott, unter dem Kreuz deines Sohnes, stehen wir.
Wir ermessen seinen Schmerz und bringen dir
alles was uns niederdrückt. 

Wir klagen dir das Leid der Millionen Kranken auf der Welt,
bei uns, bei unseren Nachbarn, in den USA, und immer mehr in armen Ländern.
Wir trauern mit so vielen Menschen über ihre Toten, Gott, sei ihnen nah.

Mit denen, die Angst haben bitten wir,
die ihre Einsamkeit kaum noch ertragen,
die keinen Besuch mehr bekommen
und keinen Besuch mehr bei ihren Lieben machen dürfen.
Mit denen, die um ihre Existenz bangen.
Die sich streiten in den Familien, die Gewalt erfahren.
Gott greif ein, gib Schutz und gib Halt.
Und die, die sich um andere kümmern bis zum Letzten,
Ärzte, Pflegekräfte, Psychologinnen
Menschen, die Verantwortung tragen und entscheiden müssen,
allen die tun, was sie können, bis an die Grenzen ihrer Kraft.
Gib ihnen was sie brauchen.
Gib uns, was wir alle brauchen: Mut, Gelassenheit, neue Kraft jeden Tag,
Wir vertrauen auf Dich.

 

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

 

An dieser Stelle wird sonst im Gottesdienst die Kollekte angesagt. Hier ist es nicht möglich, sie einzusammeln. Und doch möchte ich Sie darum bitten. Wir hören jetzt von der großen Not überall, ganz besonders aus den armen Ländern. Die Corona trifft die Ärmsten viel schlimmer als uns. Unsere Kirche unterstützt dort besonders die jungen Menschen in ihrer Ausbildung – Wir hören jetzt schon, Einrichtungen müssen schließen, wenn wir nicht helfen. So bitte ich Sie heute um eine Spende für die Ausbildungshilfe junger Menschen in Afrika und Asien. Die Bankverbindung finden Sie im Text der Andacht hier auf unserer Homepage oder auch auf dem Ausdruck in der Elisabethkirche

 

Ausbildungshilfe – Christian Education Fund
IBAN DE88 5206 0410 0000 0030 77
BIC GENODEF1EK1

Nähere Infos unter www.ausbildungshilfe.de

 

Segen

Wir gehen in diesen Tag und in diese Zeit mit Gottes Segen

 

Es segne, schütze und geleite uns der lebendige Gott,
Vater Sohn und Heiliger Geist Amen.

 

Musik / Gesang: Holz auf Jesu Schultern EG 97, Str 1 + 2

 


An dem Video-Gottesdienst wirkten mit:
- Propst Helmut Wöllenstein (Liturgie und Ansprache)
- Bezirkskantor Nils Kuppe (Orgel)
- Anne, Salome und Jakob Kuppe (Gesang)
- Nils Hahmann (Tonaufnahme)
- Christian Lademann (Video- und Bildaufnahmen, Schnitt)


Kontakt:

Propst Helmut Wöllenstein
Mail: Helmut.Woellenstein@remove-this.ekkw.de