Gottesdienst am Sonntag Rogate zum Nachlesen

Foto: Christian Lademann

Wir feiern den Gottesdienst am Sonntag Rogate (9.5.2021), dem fünften Sonntag nach Ostern. Hier können Sie nun den Gottesdienst nachlesen und von daheim aus feiern.

Gottesdienst Sonntag Rogate

Pfarrer Ulrich Hilzinger hält diesen Gottesdienst. Der Predigttext steht im Buch Jesus Sirach, Kap 35,19-22 (Das Gebet und Gottes Gericht)

Nehmen Sie sich Zeit, zünden Sie ein Kerze an und versuchen alles eventuell Störende auszublenden und dann feiern Sie den Gottesdienst auf ihren Tablets und Bildschirmen.

Gottesdienst am Sonntag Rogate (9.5.2021) zum Nachlesen

mit Pfarrer Ulrich Hilzinger

Musik zum Eingang
Johann Sebastian Bach: „Andante“ aus dem Violinkonzert a-Moll

Begrüßung, Votum

Eingangsgebet

Wochenspruch
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. Ps 66,20


Solistisch: EG 161,1-3 Liebster Jesu, wir sind hier

1 Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören;
lenke Sinnen und Begier auf die süßen Himmelslehren,
dass die Herzen von der Erden ganz zu dir gezogen werden.

2 Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand uns mit hellem Licht erfüllet;
Gutes denken, tun und dichten musst du selbst in uns verrichten.

3 O du Glanz der Herrlichkeit, Licht vom Licht, aus Gott geboren:
mach uns allesamt bereit, öffne Herzen, Mund und Ohren;
unser Bitten, Flehn und Singen lass, Herr Jesu, wohl gelingen.


Psalm 102, EG 741
Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald! Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer. Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern. Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dache. Meine Tage sind dahin wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras. Du aber, Herr, bleibst ewiglich und dein Name für und für. Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen. Denn er schaut von seiner heiligen Höhe, der Herr sieht vom Himmel auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen hört und losmache die Kinder des Todes, dass sie in Zion verkünden den Namen des Herrn und sein Lob in Jerusalem, wenn die Völker zusammenkommen und die Königreiche, dem Herrn zu dienen.
Solistisch: Ehr sei dem Vater…


Schriftlesung Lukas 11,1 - 4
1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte.
2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.
3 Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.


Solistisch: EG 369,1 - 3 + 7: Wer nur den lieben Gott lässt walten

1 Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2 Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

3 Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

7 Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.


Predigt, Jesus Sirach 35, 16-22

Liebe Gemeinde,
vor einigen Jahren bekam ich einen Brief ins Pfarramt, in dem ein älterer Herr sich in Schimpf-Tiraden geradezu unflätig über die Kirche ausließ und damit endete, dass er hiermit austrete. Da rief ich ihn an und sagte, dass so ein Brief ja nicht gehe und dass ich hier erst mal mit ihm reden wolle. Er ließ sich drauf ein und daraus wurde die Begleitung eines sehr kranken, verzweifelten alten Mannes, der viel Unsicherheit bezüglich des Glaubens hatte. Bei einem meiner Besuche sagte er einmal: Wohin soll ich denn beten? Zur Zimmerdecke?
- Nebenbei: Er trat dann auch wieder in die Kirche ein

Endet mein Gebet an der Zimmerdecke? Oder endet es unter den Wolken? Räumliche Vorstellungen zum Gebet liegen den Menschen offenbar nicht fern.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag aus Jesus Sirach nimmt auch schon dieses räumliche Bild auf.
Ich lese Kap 35,19-22
16 Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten.
17 Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt.
18 Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter,
19 und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fliessen lässt?
20 Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken.
21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt
22 und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Jesus Sirach. Gut möglich, dass sie in ihrer persönlichen Bibel zu Hause nicht fündig werden. Viele Bibelausgaben enthalten die sogenannten Apokryphen oder Spätschriften des Alten Testaments nicht. Luther fand zwar, sie seien «nützlich zu lesen» und Zwingli hat sie bei seiner Bibelübersetzung mitübersetzt, doch in späteren protestantischen Bibelausgaben wurden sie oft weggelassen.

Jesus Sirach war ein Gelehrter, der sich in den jüdischen Schriften, unserem Alten Testament, gut auskannte und auch mit der griechischen Philosophie und der ägyptischen Weisheitslehre vertraut war. Er schrieb seine Weisheitsschrift um 190-180 vor Christus. Wahrscheinlich war er ein angesehener Lehrer in Jerusalem, sah sich aber weder als Priester noch als Prophet. Sein Fokus lag darauf, deutlich zu machen, dass es weise und hilfreich für Glauben und Leben ist, die Weisungen der Thora und der alttestamentlichen Weisheitsschriften zu befolgen. Seine Zielgruppe war die gebildete Oberschicht. Sein Tenor: Auch, wenn die Weisheit sehr wichtig ist, wahre Weisheit ist in Gottesfurcht begründet und widerspricht den Weisungen des Gesetzes nicht.

In unsrem Predigttext finde ich zwei größere Themen:

1. Äußerlichkeiten, Ansehen und Macht
Ich habe neulich von einer alten Dame gehört: Als sie gebrechlich wurde und nicht mehr in den Gottesdienst gehen konnte, schaute sie sonntags Fernsehgottesdienst – aber nicht im Jogginganzug, sondern ordentlich angezogen. Wenn auch alles noch so mühsam wurde: Gottesdienst wurde in ordentlichem Sonntagsstaat geschaut.

Man kann jetzt darüber schmunzeln und dies als „aus der Zeit gefallen“ abtun. Man kann aber auch etwas ganz Anderes daraus erkennen: Sie zeigte mit dieser Äußerlichkeit ihre Achtung vor dem Geschehen, das sie verfolgte – und wenn es nur durchs Fernsehen war.
Ehrlich: Das hat mich beeindruckt und ich habe darüber nachgedacht.
Ich glaube: Wir sind viel empfänglicher für solche nonverbalen Signale, als wir uns selbst eingestehen wollen. Auch wenn wir Äußerlichkeiten an vielen Stellen inzwischen für unwichtig halten, können wir uns wahrscheinlich weniger davon frei machen, als wir es uns einzureden versuchen.
Und genau so wenig sind wir wahrscheinlich abgeklärt, was soziale Differenzen angeht. Auch wenn wir´s gerne wären. Im Gegenteil: Wir machen da durchaus –manchmal nicht nur feine – Unterschiede: Ist er so intellektuell wie ich? Wie ist ihre Hautfarbe? Kann er was? Hat sie was Ordentliches gelernt? Hat er Migrationshintergrund? Ist sie pfiffig? Wie kleidet er sich? Und dann kommt Achtung, Skepsis, entdeckerisches Interesse, vorsichtige Distanz, Ablehnung, Neid oder Wunsch-nach-Nähe auf. Ich will das jetzt gar nicht alles schlechtreden. Wir haben alle gewisse Erfahrungswerte, die uns zu dem werden ließen, was wir sind. Aber es stünde uns nicht gut an, zu glauben, dass diese Erfahrungswerte uns objektiver machen: Sie machen uns eher blinder.
Das nimmt der Predigttext von zwei Seiten her auf: In den VV 16-19 heißt es: Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fliessen lässt?
Die erste Feststellung lautet: Gott ist nicht empfänglich für die feinen Unterscheide, die wir zu erkennen meinen und die wir dann auch tatsächlich machen, selbst wenn wir meinen, wir stünden darüber. Im Gegenteil: Da, wo Menschen im Ansehen der Welt weit unten angesiedelt sind, schaut Gott ganz genau hin: Arme, Waisen und Witwen. Bei uns heute: Sozial benachteiligte, psychisch Labile, Einsame… Das ist einerseits ein tröstlicher Zuspruch für alle, die selbst arm, unterdrückt und einsam sind und die in ihren Gebeten viel zu klagen haben.
Die Vorteile, die andere im Leben haben, gelten dagegen bei Gott nichts.

Andererseits ist dies aber auch eine Mahnung an die, die Macht haben. In welcher Form auch immer. Denn wer die Tränen fließen lässt hat so viel Macht, dass er Menschen zur Verzweiflung bringen kann. Das geht an die Gebildeten und besser Gestellten unter den Zuhörern von Jesus Sirach, ebenso wie an die emotional Starken und Sicheren.
Mit großer Nüchternheit setzt die Bibel hier diejenigen auf die Anklagebank, die die Tränen ihres Unrechts schönreden, z.B. als Sachzwang der Bürokratie, als unschönen Kollateralschaden oder als emotionale Notwendigkeit: „Ich musste ihm leider mal wieder den Kopf zurechtrücken.“

Jesus Sirach schildert sehr anschaulich die Nöte der Witwen: Er sensibilisiert uns, diese Tränen wahrzunehmen, in Gedanken und Gesten ihre Trauer mitzuerleben, ihre Not, ihr Schreien, ihre Fragen und Klagen mitzutragen.

Paulus wird die Christen in Rom auffordern: Weint mit den Weinenden! (Römer 12,15b).

2. Gebetswolkendeckel oder: Anmerkungen zum Gebet
20 Wer Gott dient, heißt es im zweiten Teil des Predigttextes, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt 22 und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Wir mögen nicht gerne von einem Tun-Ergehens-Zusammenhang im Glauben sprechen: „Tu dies, dann geschieht das.“ Luther hat ja heftig gegen Meinungen gekämpft, wie: „Spende ordentlich, dann lässt Gott es dir gutgehen.“ Natürlich dürfen –und sollen- wir ordentlich spenden, aber nicht aus Berechnung heraus, damit Gott uns recht viel Gutes tut, sondern aus Dankbarkeit.
Aber es gibt dennoch auch Dinge, die wir beherzigen müssen, ansonsten könnten wir den Glauben ja in die Beliebigkeit Gottes abschieben: „Ich kann nichts und Gott tut alles.“
Viererlei legt uns der Text hier nahe:
- Diene Gott
- Sei demütig
- Sei gerecht
- Sei treu
Diene Gott nicht widerwillig, sondern mit demütigem Herzen. Dafür benutzt Sirach nun dieses wunderbare Bild der Wolken geradezu als Gebets-Deckel: Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt

Gott freut sich, wenn wir ihm dienen. „Mit Wohlgefallen“ betrachtet er das. Aber dies ist offensichtlich nur ein erster Schritt. In echter Demut sollen wir vor ihn treten, sonst bleibt unser Gebet sozusagen auf halbem Wege hängen. An der Zimmerdecke oder etwas weiter oben, unter den Wolken. Und das hat Konsequenzen! Dann beten wir und erhalten keinen Trost! Gebet als Einbahnstraße! Gebet als Selbstgespräch! All das, was Kritiker und Skeptiker Christen vorwerfen, ist dann wahr – und sicherlich kennen wir alle diese Empfindung auch. Auch! Nicht: Nur!
Der nächste Schritt den Sirach uns hier empfiehlt ist, treu zu sein: Manchmal braucht es offensichtlich Zeit, bis Gott die Dinge regelt. – wer kennt solche Erfahrung nicht? - Wir mögen bereits getröstet sein, aber gut sind die Dinge noch nicht Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt

Die Quintessenz also lautet: Gott schaut nicht auf unsere Voraussetzungen – aber er schaut auf unser Herze, wenn wir mit ihm in Kontakt treten. Amen


Solistisch: EG+102,1-4 Da wohnt ein Sehnen

Refrain:
Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.
Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir.
In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain

2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir.
In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain

3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir.
In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain

4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir.
Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott.

Refrain


Fürbitte, Vater unser

Herr Jesus Christus, Himmlischer Vater, Heiliger Geist,
Wir danken dir, dass du nicht die feinen Unterschiede machst, von denen wir selbst uns doch meistens beeinflussen lassen.
Wir danken dir, dass du für jeden von uns ein offenes Ohr hast und auch unsere verborgenen Tränen siehst.
Wir bitten dich, lass uns sensibel werden für jede Art von Macht, die wir über andere ausüben. Lass uns verantwortungsvoll damit umgehen und uns nicht stumpf gegen andere sein. Lass uns lachen mit den Lachenden und weinen mit den Weinenden.
Wir danken dir, dass die die Corona-Impfkampagne hier nun richtig ins Laufen gekommen ist.
Wir bitten dich, Herr, für die Corona-Katastrophe in Indien. Setzte ihr schnell ein Ende. Erbarme dich über die Menschen. Lass medizinische Hilfe rasch für alle die bereitstehen, die sie nötig haben. Tröste die Trauernden. Schenke den politisch Verantwortlichen Weisheit.

Und alles, was uns sonst noch bewegt, legen wir in das Gebet, das du, Jesus, uns gelehrt hast: Vater unser…

Abkündigungen

Segen
Es segne und behüte euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Musik zum Ausgang
Edward Elgar: Andantino


Mitwirkende
Gesang: Anne Kuppe
Violine: Felicitas Stuchtey
Orgel und Klavier: Nils Kuppe
Lesung: Ruth Knüppel
Liturgie und Predigt: Pfr. Ulrich Hilzinger

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