Geschichte und Zukunft der Ortenbergkapelle

Die Ortenbergkapelle. Fotos: Bernhard Dietrich

Die Ortenbergkapelle ist das zweite Gemeindehaus der Elisabethkirchengemeinde. Sie wurde 1963 eingeweiht, nachdem Pfarrer Bernhard Götz das Grundstück für die jenseits der Lahn schnell wachsende Gemeinde von den Kasseler Diakonissen erwarb, deren Ar- beit sich mit dem Haus Bethanien als Heim für „gefallene Mädchen“ in der Zeit wandelte. Pfarrer Götz versah den Gebäudekomplex mit einem großzügig geplanten Pfarrhaus, in dem sich Pfarrfamilien mit vielen Kindern wohlfühlen würden. Eine kleine Wohnung im Gemeindehaus war für die Gemeindeschwester vorgesehen. Ein Gemeindebüro fand Platz, ein Sitzungs- und Archivraum, sowie eine großzügige Kapelle für bis zu 60 Gottesdienstbesuchern, wenn man die große Schiebetür öffnete.

In den Anfangsjahren fand dort neben dem sonntäglichen 10-Uhr-Gottesdienst ein reger Kindergottesdienst statt. Es wurde eine Glocke angeschafft, die seitdem zum Gottesdienst ruft, eine Orgel und das Kunstwerk von Helmut Uhrig, das das Abendmahl in der Zusammenschau mit der Hochzeit zu Kana zeigt.

Viele Jahrgänge von Konfirmand*innen des Ortenbergbezirkes hatten im Saal neben dem Kapellenraum ihren wöchentlichen Unterricht, zunächst mit Pfr. Götz und Pfr. Grau, dann mit Pfr. Müller und schließlich mit Pfr. Dietrich. Das ging bis zum Anfang der 2000er Jahre, wo dann die Konfirmand*innen der 4 Bezirke zusammengelegt wurden zum gemeinsamen Unterricht.

Als die Schwesternwohnung schon bald nicht mehr als solche gebraucht wurde, vermietete man sie an Studenten. 2004 aber, im Blick auf das heranrückenden 800tem Geburtstag Elisabeths verwandelte die Gemeinde diese ehemalige Schwesternwohnung in eine Pilger- und Gästewohnung der Gemeinde um.

Zu gleicher Zeit erfuhr das Gemeindebüro, in dem viele Jahre Hanna Kalb ihren aufmerksamen und treuen Dienst tat, eine gründliche Renovierung und Modernisierung.

Vor fünf Jahren suchte die Evangelische Studierendengemeinde ein Ausweichquartier während des Umbaus der eigenen Räumlichkeiten in der Rudolf-Bultmann-Str. 4. Für diese Gastgeberschaft fand eine Isolierungsmaßnahme des ganzen Gebäudekomplexes statt, der Einbau einer Schwerhörigen-Schleife und der ausgefallene Glockenmotor wurde durch ein Handseil ersetzt.

Im Zuge des Reformprozesses, der zum Ziel hat, die räumlichen Gegebenheiten der Mitgliederentwicklung anzupassen, wurden im Kirchenkreis zuerst die Gemeindehäuser bewertet und die Quadratmeterzahl ins Verhältnis zur Gemeindemitgliederzahl gesetzt (ca. 4700). Nach dieser Formel hatte die gesamte Elisabethkirchengemeinde 1,5 qm zu viel. Andere Gemeinden im Marburger Bereich hatten teils über 200qm zu viel. Aber während andere Gemeinden meist nur ein Gemeindehaus hatten, hat die Elisabethgemeinde deren drei. Deswegen nahm sich die vorschlagende Kirchenkreisarbeitsgruppe das Recht, das Ortenberggemeindehaus in die Spalte „kann aufgegeben werden“ zu schieben.

Muss auf mittlere Sicht aus der Nutzung herausgenommen werden

Die Kirchen und Kapellen erfuhren anschließend landeskirchenweit eine Bewertung in: a) überregional bedeutsam, b) regional bedeutsam und c) lokal bedeutsam. Ebenso wie klar ist, dass die Elisabethkirche überregional bedeutsam ist, ist auch klar, dass die Ortenbergkapelle nur lokale Bedeutung hat, und zwar für die Menschen, die hier zuhause sind und die besondere Atmosphäre der Nähe bevorzugen. Also auch in Bezug auf die Ortenbergkapelle als Gottesdienststätte hat die Bewertung mit Kategorie „c“ zur Folge, dass dieses Gebäude nicht mehr mit landeskirchlichen Mitteln unterhalten werden kann und auf mittlere Sicht aus der Nutzung herausgenommen werden muss. Ich weiß, das ist schwer für alle, die Liebgewonnenes loslassen müssen.

Bleibt als Letztes die Betrachtung der Ortenbergkapelle als Pfarrhaus. Ich habe mit meiner Familie 30 Jahre in diesem Pfarrhaus gelebt und gearbeitet. Und ich habe es immer als eines der Schönsten weit und breit betrachtet. Den Bäcker neben an, der Bahnhof 3 Minuten zu Fuß entfernt, ganz nah bei den Menschen am Ortenberg. Hinter dem Haus ein großzügiger Garten mit einem riesigen Ahorn und der Möglichkeit, Holz zu hacken und Hühner zu halten. Im Haus großzügige Räume, ein Amtszimmer mit Elisabethkirchenblick und im Keller die Möglichkeit einer Schreinerwerkstatt.

Als nach meiner schweren Erkrankung das Ende meiner Amtszeit in den Blick rückte, - ich werde es mit ihnen am 31. Januar 2021 begehen, so Gott will und wir leben – sind wir mit der Familie am 1. April 2019 in unsere Eigentumswohnung in der Heinrich-Heine-Str. umgezogen. Nun steht also das Pfarrhaus leer, bis auf das Amtszimmer, wo ich täglich anzutreffen bin.

Da seit einiger Zeit die Regel gilt, dass eine Gemeinde nur noch für volle Gemeindepfarrstellen ein Pfarrhaus vorhalten muss, beginnt für die Elisabethgemeinde folgende Überlegung: Wir haben 2,5 Gemeindepfarrer. Das ist z.Z. Pfr. Ludwig 1/1, Pfr. Dietrich 1/1, und Pfr. Hartmann 1/2. Das bedeutet, die Gemeinde braucht zwei Pfarrhäuser. Wir haben aber vier (Pfarrhaus Uferstr. 5 Pfarrhaus Deutschhausstr. 26, Pfarrhaus Ortenbergkapelle; Pfarrhaus Waidmansweg 5. Zwei sind zu viel. Da man aber den Standort im Waldtal wegen des Brennpunktes nicht gut ohne die Präsenz eines Pfarrers im Pfarrhaus lassen kann, wird klar, dass man das Pfarrhaus in der Ortenbergkapelle auf jeden Fall aufgeben wird. Das ist traurig und sehr schade. Aber ich muss lernen los zu lassen.

Was wird nun aus der Ortenbergkapelle?
Sie wird wohl verkauft werden. Wenn es geht an eine kirchennahe diakonisch orientierte Einrichtung. Den Erlös könnte genutzt werden dafür, dass in dem künftigen Pfarrhaus für den Bezirk II in der Deutschausstraße 26, Räumlichkeiten eingerichtet werden, die der Gemeinde dienen. Ein Gemeindebüro mit einem Besprechungs- und Archivraum, eine kleine Teeküche und Toiletten. Das Amtszimmer des Pfarrstelleninhabers des Gemeindebezirkes 2 könnte dann auf der gleichen Ebene sein und die Pfarrwohnung wäre in den Stockwerken darüber.

So wäre auch der Gemeinde gedient, die dann auch für den Bezirk II ihren Pfarrer ansprechen und sich mit ihm und anderen Gruppen dort treffen könnte.

Ich wünsche dem ganzen Umstrukturierungsprozess jedenfalls einen gesegneten und kreativen Verlauf, der möglichst vielen Menschen und vor allem der Elisabethkirchengemeinde und ihrem Seelsorgebezirk II zugute kommt.

Ihr Pfarrer Bernhard Dietrich

 

Bildergalerie zur Geschichte und Ausstattung der Ortenbergkapelle