Zum Nachfeiern: Mithörgottesdienst und Andacht-to-go zum Gründonnerstag

Erinnerung an Dietrich Bonhoeffer und Abendmahlsgeschirr (Foto: Nils Hahmann)

Pfarrer Achim Ludwig

Der Abendmahlgottesdienst am Gründonnerstag mit Pfarrer Achim Ludwig und Bezirkskantor Nils Kuppe (Orgel) wird hier ab 09.04.2020 zum Hören und Mitfeiern freigegeben. Gleichzeitig ist er als "Andacht-to-go" nachzulesen und kann im PDF-Format heruntergeladen werden - zum Ausdrucken, Mitnehmen, Weiterreichen...

Gottesdienst aus der Elisabethkirche. Sie sind jetzt nun eingeladen, die Audiowiedergabe des Gottesdienstes unterhalb des Bildes links zu starten. Suchen SIe sich zuvor einen stillen Ort. Machen Sie es sich bequem. Vieleicht zünden Sie eine Kerze an. SIngen, lesen, hören und beten Sie mit. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen.

Andacht am Gründonnerstag, 9. April 2020

[Download als PDF]

von Pfarrer Achim Ludwig

 

Glockengeläut

 

Begrüßung:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Herzlich willkommen, wo immer Sie uns auch hören: am PC, am Laptop oder Handy. Herzlich willkommen zu Musik und Gedanken aus unserer Elisabethkirche.

 

Orgelimprovisation

 

Ansprache:

Liebe Gemeinde! Liebe Mitchristen/innen!

Am Gründonnerstag erinnern wir uns an den letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern, an das letzte gemeinsame Abendmahl Jesu mit seinen Freunden.

Eigentlich hatten wir vor, uns dafür heute wieder in unserer Kirche an Tischen zusammen zu setzen. Seit Jahren schon feiern wir den Gründonnerstag-Abend in dieser besonderen Weise: wir setzen uns an gedeckten Tischen zusammen, hören auf die biblischen Texte, essen und trinken miteinander und erzählen uns, wer wir sind und was uns bewegt, und erfahren so eine besondere Art der Gemeinschaft.

Diesmal ist alles anders. Der Virus hat einen Strich durch die Rechnung gemacht. Keine Tische, kein gemeinsames Essen.

Aber eines kann uns der Virus nicht nehmen: dass wir uns erinnern an diesen letzten Abend Jesu mit seinen Freunden. Und dieses Erinnern ist vielleicht das Wichtigste, was wir an diesem Abend tun können.

Wenn ich die biblischen Texte lese, die von diesem Abend berichten, entdecke ich manches Gefühl, das mir in diesen Tagen vertraut ist. Denn da ist viel von Sorge, von Angst, von Unsicherheit spürbar.

Jesus und seine Freunde sitzen am Tisch zusammen und feiern das jüdische Passahfest. Eigentlich ein frohes Erinnerungsfest für erfahrene Freiheit, für ein selbstbestimmtes Leben des jüdischen Volkes. Aber die Stimmung unter Jesu Freunden und auch bei ihm selbst ist anders. Die religiös und politisch Mächtigen haben längst beschlossen, Jesus aus dem Weg zu räumen.

Die Freunde Jesu schauen betrübt. Zum Feiern ist ihnen da nicht zumute.

Unter ihnen sitzt Petrus, der sich noch kurz zuvor laut und entschieden zu Jesus bekannt hat. Er wird in dieser Nacht dreimal sagen, dass er seinen Freund Jesus gar nicht kennt. Am Tisch sitzt Judas. Er ist einer von ihnen und doch – weiß Gott - welcher Teufel ihn geritten hat, er wird seinen Freund ans Messer liefern. Die zwei Brüder Jakobus und Johannes sitzen in der Runde dabei: kurz vorher waren sie noch voller Zukunftsträume. Sie wollten von Jesus wissen, wo ihr Platz in seiner neuen Welt sein würde – hoffentlich doch links und rechts direkt neben ihm.

Sie alle sind sich ihres Glaubens, ihrer Zukunft, ihrer Gemeinschaft nicht mehr gewiss. Sie ahnen, sie fürchten, nach dieser Nacht wird alles anders sein.

Diese Stimmung der Jünger beim letzten Abendmahl ist mir in diesem Jahr besonders nah. Ihre Unsicherheit, die Angst, die Sorge, die Fragen.

Wie geht’s weiter? Was kommt? Bin ich dem gewachsen? Was wird aus mir? Aus uns?
 

Liebe Gemeinde!

In unserem Gottesdienst zum Gründonnerstag aber wollten wir in diesem Jahr nicht nur an den letzten Abend Jesu mit seinen Freunden denken, wir wollten in der Elisabethkirche auch an Dietrich Bonhoeffer erinnern. Denn am 9. April 1945, also genau vor 75 Jahren, ist er von den Nazis ermordet worden. Wir wollten Texte von ihm in unseren Abendmahlsgottesdienst mit einbeziehen.
U.a. das Gedicht „Wer bin ich?“, das Bonhoeffer 1944 in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel geschrieben hat. Darin heißt es:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch
Ich trüge die Tage des Unglücks
Gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß:

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung.
Umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.“
 

Liebe Gemeinde!

Natürlich war auch das eine völlig andere Situation, damals in der Gefängniszelle, in der Bonhoeffer seine Zeilen aufgeschrieben hat, und doch sprechen seine Worte gerade in diesen Tagen zu mir wie selten vorher.

Das Hin-und Her der Gefühle – ich kenne es gut in diesen Tagen, in denen das Virus die Nachrichtenlage im Großen und mein ganz persönliches Leben im Kleinen bestimmt:

In der einen Minute bin ich zuversichtlich und vertrauensvoll, in der anderen Sekunde verzweifelt, hoffnungslos.

Die Sorge um Menschen, die ich liebe, bestimmt mich.

Und mein Glaube? Gerade, wenn ich andere sehe, die gewisser scheinen, die mir im Tonfall gegenübertreten von „Wir sind in Gottes Hand. Uns kann nichts geschehen!“, spüre ich, dass ich oft selbst nicht so sicher bin, fühle ich, wie wenig Kraft mein Glaube manchmal hat.

Aber dann schaue ich wieder zurück auf das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Freunden, auf die Geschichte vom Gründonnerstag. Da saßen auch jede Menge zwiespältige Gefühle, jede Menge Sorge, Angst, Unsicherheit und Fragen mit am Tisch.

In der biblischen Geschichte nimmt Jesus dann Brot, bricht es in Stücke, gibt ihnen davon und sagt: „Das bin ich. Ihr braucht mich. Ihr braucht meine Worte, meinen Geist jeden Tag zum Leben – wie Brot! Denkt an mich, wenn Ihr in Zukunft miteinander am Tisch das Brot teilt!“ Sie essen und dann nimmt Jesus den Kelch mit Wein und sagt: „Trinkt davon! Wie Wein bin ich für Euch. Durch mich, durch meinen Geist und meine Worte wird Euer Leben wertvoll und besonders! Denkt an mich und denkt daran, wenn Ihr in Zukunft miteinander Wein trinkt!“

Liebe Gemeinde! „Denkt an mich“ - alles, was immer so war, ist in diesem Jahr, an diesem Gründonnerstagabend anders. Aber – dieses Eine ist geblieben: eigentlich das Wichtigste: „Denkt an mich!“ Wir können und sollen uns erinnern an Jesus, an seine Freunde, an ihren letzten Abend. Vor allem an das, was er ihnen da zugesagt hat: „Wenn Ihr an mich denkt, bin ich bei Euch!“

Die Verbundenheit mit ihm gilt dann auch uns. Kein Virus kann sie uns nehmen. Jesu Zusage wird nicht schwächer dadurch, dass wir uns in diesem Jahr einander nicht am Tisch gegenübersitzen und Brot und Wein miteinander teilen.

Wir haben in diesem Jahr weniger in der Hand. Das schon! Wir haben nichts zum Anfassen, zum Schmecken. Aber wir erinnern uns an das, was ER zugesagt hat. Und so haben wir das manchmal auch schwache Vertrauen darauf, dass Gott uns durch diese Zeit begleitet – wie er Jesus durch diese Nacht und den Karfreitag, der ihr folgt, wie er seine Freunde/innen durch diese Nacht begleitet hat. Und wie er auch Dietrich Bonhoeffer nahe war und blieb.

„Wer bin ich?“ Bonhoeffer‘s Gedicht, in dem er davon schreibt, wie zerrissen er ist, wie kleingläubig oft, wie unsicher, es endet genau in diesem Sinne:

„Wer ich auch bin. Du kennst mich, dein bin ich, o Gott.“  Es ist uns verheißen, dass das reicht – darauf wollen wir vertrauen! Amen.

 

Orgel/Vorspiel und Choralstrophe zu EG 221:

„Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen:
Wir sind, die wir von einem Brote essen,
aus einem Kelche trinken,
Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.“

 

Gebet:

Gott, wir sind unruhig, unsere Gedanken sind voller Sorgen.
Wir machen uns Sorgen um Menschen, die wir lieben,
um uns selbst.
Wir machen uns Sorgen um unsere Gesellschaft und die Wirtschaft.
Wir machen uns auch Sorgen um das Schicksal von Menschen, die das Virus aus den Nachrichten verdrängt: Flüchtlinge und Menschen am Rande unserer Gesellschaft.
Wir vertrauen auf deine Begleitung und Nähe,
auch wenn es uns manchmal nicht leichtfällt.
Lass uns spüren, dass dein Geist unter uns lebt! Mach uns Mut!
Schenke uns Hoffnung! –
Mit den Worten, die wir von deinem Sohn Jesus haben, beten wir gemeinsam:
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

 

Segen:


Es segne und behüte uns Gott, der Allmächtige und Barmherzige, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

 

Orgelmusik zum Ausklang

 

 


An dem Hör-Gottesdienst wirkten mit:
- Pfarrer Achim Ludwig
- Bezirkskantor Nils Kuppe (Orgel)
- Nils Hahmann (Tonaufnahme)


Kontakt:

Pfr. Achim Ludwig
Mail: ludwig@remove-this.elisabethkirche.de