Vom Vertrauen, das trägt. Wie es ist, mehr als 30 Jahre an der "schönsten Kirche der Welt" arbeiten zu dürfen

Bernhard Dietrich mit dem Fahrrad unterwegs. Foto: Christian Lademann

Pfr. Dietrich 1992 in Moretele Südafrika im Gespräch mit seiner Gastgeberin Frau Matlala. Foto: Privat

Gespräch nach dem Gottesdienst in der Ortenbergkapelle. Foto: Privat

Fototermin in der Elisabethkirche. Foto: Christian Lademann

Bei der Erzählung von einer Osterfeier, zeigt Pfr. Dietrich was der Pfarrer auf der griechischen Insel tut, als die Sonne aufgeht und er seine wartende Gemeinde begrüßt: "Christus ist am auferstandensten" ruft er. Die Sprache zerbricht, sie kann die "ungeheure" Osterbotschaft nicht fassen. (Nikos Kazanzakis) Foto: Christian Lademann

Lesen Sie hier anlässlich des Abschieds aus der Gemeindearbeit ein Interview mit Pfarrer Bernhard Dietrich. Der Webpfleger der Elisabethgemeinde, der Fotograf und Journalist Christian Lademann hat es für die Januar- Februarausgabe der monatlichen Kirchenzeitung "Kirche in Marburg" (KiM) geführt.

Am 31. Januar 2021 findet in der Elisabethkirche der Gottesdienst zur Verabschiedung von Pfarrer Bernhard Dietrich in den Ruhestand statt. Dann liegen fast 32 Jahre Dienstzeit in der Elisabethkirchengemeinde hinter ihm. Der 1956 geborene Dietrich trat zu Pfingsten 1989 seine Pfarrstelle in Marburg an. Zuvor war er bereits sechs Jahre lang Pfarrer in Affoldern am Edersee. Pfarrer Dietrich blickt in einem Interview auf seine theologische Entwicklung, seine Anfänge und gesamte Arbeit in der Elisabethkirchengemeinde und auf seinen Pilgerweg des Lebens.

Was hat sie bewegt Pfarrer zu werden?

Dietrich: Es war und ist eine Berufung. So empfinde ich das bis heute. Das Geistlich-Spirituelle kommt von meiner Mutter und von meinem Großvater, der seinerzeit die landeskirchliche Gemeinschaft in unserem Haus mitbegründete. Der EC-Jugendkeis brachte mich damals durch eine Freizeit im Berner Oberland mit meiner heutigen Frau zusammen. Beim Bibelstudium in einem Kreis von jungen Leuten spürte ich den Ruf und den Wunsch Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden.

Wie und wann hat sich die enge Frömmigkeit hin zu einer freieren gewandelt?

Dietrich: Im Studium in Göttingen hatte ich mich zunächst einem Hauskreis angeschlossen, der sich zu den Evangelikalen rechnete: Die historisch-kritische Methode, liberale Theologie und Bibelkritik waren uns ein Dorn im Auge. Aber dann habe ich mich zusammen mit einem Freund davon begonnen zu befreien durch das Studium Karl Barths und gewann immer mehr Freude an der Exegese und daran, wie man mit Hilfe von historisch kritischen Methoden ein viel tieferes Verständnis vom Werden der Biblischen Botschaft von der Menschwerdung der Liebe Gottes gewinnen konnte.

Wie sind sie nach Marburg gekommen?

Dietrich: Im November 1988 bekam ich einen Anruf aus Marburg bzw. aus Wetter von einem früheren Kollegen aus der Pfarrkonferenz Marburg Land. Und der fragte mich, an der Elisabethkirche sei eine Stelle frei, ob das nicht was für mich wäre. Von mir aus hätte ich nie daran gedacht, an die Elisabethkirche gehen zu können. Aber dieser Anruf hat ein Nachdenken ausgelöst und ich habe mich beworben. Kurz vor meinem Vorstellungsgottesdienst erschütterte eine private Katastrophe meine Familie. Ich konnte nicht anders als davon zu sprechen, allerdings nicht direkt. Vielleicht hat man in der Predigt über Jesaja 54 gespürt, wie ich versucht habe, meine ernsten Fragen zu stellen und auf das Wort der Schrift zu hören.

Was schätzen Sie generell an der Arbeit hier an der Elisabethkirche?

Dietrich: An der Elisabethkirche konnte ich von Anfang an, anders als in Affoldern oder auch bei meinem Mentor in Niederweimar, nur im Team Pfarrer sein. Wir hatten jede Woche in der Anfangszeit – später ein bisschen weniger – eine Dienstbesprechung. Wenn du irgendwas einführen oder machen wolltest, dann ging und geht das erstmal durch das Team. Das ist sehr anders hier in diesem Pfarramt als in allen anderen.

Im aktuellen Elisabethbrief der Elisabethkirchengemeinde berichten Sie bei Ihrem Rückblick auch von ihrer Mitarbeit bei der Partnerschaft mit dem Moretele-Kirchenkreis/Südafrika und ihrem Delegationsbesuch dort im Jahr 1992. Konnte aus dieser Erfahrung heraus auch etwas in die Gemeindearbeit in Marburg übernommen werden?

Dietrich: Wir hatten einen Moretele-Sonntag eingeführt. Der war am letzten Sonntag nach Epiphanias und die Kollekte war für die Partnerschaft mit Moretele bestimmt. Wie in Afrika wurde die Kollekte singend und tanzend zum Altar gebracht anstatt still und heimlich am Ausgang. Das hatte ich nämlich persönlich während einer Delegationsreise 1992 nach Südafrika dort genauso erlebt – auch, dass die Kirchenvorsteher dort bei einer eher mager ausgefallenen Kollekte dann gleich zu einem weiteren, fröhlichen Kollektengang aufgerufen haben. Und beim Gottesdienst in der Elisabethkirche hat die Gemeinde dann sogar freudig mitgemacht. Da gab es immer große Kollekten davon.
Auch bei meinen Amtshandlungen, sowohl bei den Trauungen als auch bei den Taufen, habe ich dann aus dieser Erfahrung heraus angeregt, die Kollekten nicht am Ausgang zu sammeln, sondern kurz vor dem Segen bei einem Umzug um den Altar.

Haben Sie die Jahre an der Elisabethkirche im Sinne ihrer Berufung vollumfänglich nutzen können?

Dietrich: Die Berufung war immer ein Motiv - selbst bei den Führungen, die ich selbst oft nach dem Gottesdienst gehalten habe. Diese sollten keine kunsthistorischen Führungen durch die Kirche sein, sondern sie sollten die Spiritualität lebendig werden lassen.

Hat Ihnen die Geschichte der Elisabeth von Thüringen auch einen Weg gewiesen?

Dietrich: Mit Elisabeths Spiritualität war ich dann sehr verbunden. Das Besondere an ihr ist ja, dass sie in jedem Menschen den leidenden Christus sieht. Etwa dieses Wunder vom Gekreuzigten im Bett: „Solche einen magst du mir jeden Tag ins Bett legen“, hat dann der Landgraf gesagt, als er – wie in einer Vision - statt des von Elisabeth im Ehebett gepflegten elenden, leprakranken Menschen den gekreuzigten Christus erblickte. Also tiefer zu schauen mit den Augen des Glaubens, sozusagen die Christuswürde eines jeden auch noch so elend daherkommenden Individuums darin erkennen. Das ist das Entscheidende. Auch in dieser Kirche als Ganzes den Himmel auf die Erde kommen sehen - nach der Offenbarung des Johannes 21.

Was schätzen sie an der Elisabethkirche als Gebäude?

Dietrich: Die Elisabethkirche ist natürlich eines der bedeutendsten Gebäude und sie ist „die schönste Kirche der Welt“, wie ich immer zu sagen pflege. Außer vielleicht die noch immer unvollendete Sagrada Familia in Barcelona. Natürlich findet jeder seine eigene Kirche auch sehr schön. Das ist dann so. Aber für mich war und ist es immer die Liebe zu dieser Kirche und zu ihrer Schönheit, die mich bei allem beflügelt hat. Die Kirche als Bauwerk stellt uns die Hoffnung auf die Gegenwart Gottes vor Augen. Man tritt ein in den Himmel und man soll sozusagen spüren, was das ist, worauf ich zugehe. Das ist das, was auch Pilger bewegt, wenn sie an dieses Ziel kommen, das kann ihnen beim Eintritt in die Kirche zum Gleichnis werden. Der Pilgerweg ist noch nicht zu Ende, da hast hier vor „Augen“, woraufhin du unterwegs bist.

Apropos Pilgerweg. Was bedeutet dieses Unterwegs-Sein für Sie?

Dietrich: Was ist das Unterwegssein eigentlich? Ein Gehen und sich in die Zukunft fallen lassen. Das geht nicht ohne Vertrauen. Vertrauen ist das, was dich auf dem Weg trägt. Es gibt dir den Mut für den nächsten Schritt, obwohl du niemals genau weist, wohin er dich führt. Verrtauen ist der "Übermut" wie Petrus den Schritt hinaus aufs Wasser zu gehen - und es trägt - wieder alles Erwarten - über Untiefen hinweg - zu neuen Ufern. Sie merken - nur die Poesie vermag etwas auszudrücken von dem "Unsagbaren", das uns allein zu tragen vermag. Ich glaube deshalb ruft Jesus uns auf einen Pilgerweg des Vertrauens - den er voranzugehen verheißt.

Und woher kommt das Vertrauen bei Ihnen?

Dietrich: Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Tod meines Großvaters Bernhard, von dem ich meinen Namen habe. Ich war gerade Konfirmand, und drei Monate nach seinem Tod hatte ich Konfirmation. Nachdem er im Laden meines Vaters zusammengebrochen war und mein Vater und ich ihn in sein Zimmer getragen haben, blieb ich am Fußende des Bettes noch stehen und habe dann erlebt, wie er mir sagte: „Du Bernd, ich glaube ich werde hier nicht mehr aus dem Bett aussteigen. Ich werde sterben".
Gegenüber von seinem Bett stand ein Spruch aus Holz an der Wand mit nur einem Wort: „Dennoch“. Ich habe beobachtet, wie er auf dieses Wort schaute. Erst später wurde mir klar, dass das Wort aus Psalm 73,23 stammt: „Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand“. An diesem Blick spürte ich sein Vertrauen: "Ich sterbe, aber ich vertraue. Was auch immer sein wird, ich vertraue". Das hat sich mir stark eingeprägt - schau mal, dein Großvater stirbt und er vertraut. Da gibt es einen starken Grund, vertrauen zu können. Das war so etwas wie der Ursprung dessen, warum mich Vertrauen gefunden hat für den Weg, für den Pilgerweg.

Die Pilgergottesdienste und das Pilgerfest in der Elisabethkirche oder auch der Elisabethpfad-Verein sind ja auch eng mit dir verknüpft…

Dietrich: Das mit dem Pilgerweg haben wir uns erst 1992 zugänglich gemacht. Während einer damaligen Rüstzeit des Kirchenvorstands haben wir darüber gesprochen, einen neuen, schönen Familiengottesdienst in der Elisabethkirche zu etablieren, der ein immer wiederkehrendes Element besitzt. Die Elisabethkirche ist ja seit dem Mittelalter das Pilgerziel von vielen Leuten. Bei einem Besuch im Limburger Dom erzählte uns eine Schwester von den Pilgerumzügen dort in der Kirche. Das hat uns bewegt, etwas ähnliches zu versuchen. Die Elisabethkirche ist groß und hat verschiedene Teile. Und so haben wir einen Pilgergang durch die Kirche entwickelt, den man als ein Gleichnis für unseren Lebenspilgerweg erleben kann.

Welche Projekte habe Sie beispielsweise noch während in ihrer Amtszeit angestoßen?

Dietrich: Beispielsweise die Betreuung der Mikrofonanlage: Seit dem Beginn, als da die ersten Probleme mit der Anlage auftauchten, habe ich mich darum gekümmert. Als evangelische Kirche sind wir eine Kirche des Wortes und wenn du das „Wort“ beim Gottesdienst nicht richtig verstehst, kommen hinterher Leute zu dir und sagen: ‚Heute haben sie aber so leise gesprochen, ich habe sie gar nicht verstanden‘. Also wurde eine Schwerhörigenschleife installiert, und es gab Verbesserung der Lautsprecher und der Mikrofone, und eine bessere Steuerung, damit es keine Übersteuerung gibt.
Anderes Beispiel: Als dann die Heizungsanlage neu gebaut wurde, habe ich das begleitet. Das ist natürlich spannend, mit den archäologischen Ergebnissen bei jeder Grube, zu schauen, was sie dort finden an Geschichte. So und auch sonst hat mich die Geschichte der Elisabethkirche oder Elisabeths immer sehr fasziniert.

Und Sie haben die Elisabethkirchengemeinde ins Internet gebracht…

Dietrich: Das ist auch so eine Art Berufungssache: Mit den modernsten Wegen, Mitteln und Werkzeugen, die es gibt, das Evangelium weiterzugeben und in die Welt zu tragen. Für mich ist das Internet und die gestaltete Webseite ein Mittel, das Evangelium weiterzutragen.

Mit dem Ende Ihrer Dienstzeit wird etwa parallel auch die Ortenbergkapelle außer Dienst genommen. Was schwingt da mit?

Dietrich: Ich sehe das als meine Aufgabe, die Menschen zu begleiten. Mir hatte eine Frau geschrieben, wie schade, schwierig und schlimm es für sie sei: Die Ortenbergkapelle wäre doch immer ihr Trost- und Zufluchtsort gewesen. Ja, das ist so. Man kann hier eine viel größere emotionale Nähe erleben als in der großen, erhabenen Elisabethkirche. Und ich muss versuchen, das den Leuten zu erklären, dass es diesen Ort jetzt nicht mehr geben wird. Es ist eine Aufgabe, diesen Abschied zu gestalten.
Meine Frau und ich wohnen seit dem 1. April 2019 nicht mehr im Pfarrhaus sondern in einer kleineren Wohnung in der Heinrich-Heine-Straße. Von 240 auf 100 Quadratmeter. Und es hat gutgetan ,zu lernen loszulassen und sich zu verkleinern. Aber immerhin gehöre ich ja noch als zur Elisabethkirchengemeinde.

Nur noch als Gemeindemitglied oder in einer noch anderen Funktion?

Dietrich: Ich nehme mir vor, einen klaren Schnitt zu machen. Für Vertretung von Gottesdiensten, Beerdigung, Kasualien und so weiter nehme Abstand. Andererseits bin ich bereit, Rat zu geben, wenn ich gefragt werde. Ich will aber nicht der oder dem Neuen ins Handwerk pfuschen.  Gott bewahre.

Wie wird dann Ihre Zeit als Pensionär aussehen?

Dietrich: Ich könnte mir vorstellen, dass ich, wenn die Pandemie mal vorbei ist, zu einem längerem Pilgerweg nach Spanien aufbrechen würde - oder mal von Görlitz aus durch die ganz Bundesrepublik entlang der innerdeutschen Pilgerwege. Dann aber allein, und nicht als einer, der eine Gruppe führt, wie bisher. Auch meine anderen Gaben und Interessen werde ich weiter verfolgen. Ich arbeite gern mit Holz, in einer kleinen Werkstatt in der Garage, helfe meinen Kindern im Garten und als Handwerker. Bin weiterhin im Vorstand des Elisabethpfad-Vereins tätig. Bleibe im Verein der Freunde und Förderer der Elisabethkirche in Marburg. Ich werde weiterhin fotografieren und Filme schneiden. Ich lese gerne und bin sehr Technik affin. Auch andere wissenschaftliche Themen aus der Astronomie, Physik oder der Geschichtswissenschaft interessieren mich. Vielleicht lerne ich auch noch mal eine neue Sprache. Ich fühle mich reich beschenkt durch die Zeit an der Elisabethkirche und freue mich auf das, was kommt.

Eine kleine "verrückte" Bildergalerie

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