Vom Geschenk der Zeit - Pfr. Dietrich blickt zurück

Predigt zur Konfirmation 2020. (Foto: Lademann)

Moretele/Südafrika, 1992: Herzlich wird Pfr. Dietrich (links) von Frau Matlala empfangen. (Foto: privat)

Pfr. Dietrich (1993) im Gespräch. (Foto: privat)

Pfr. Bernhard Dietrich (Foto: Christian Lademann)

Pfr. Bernhard Dietrich blickt auf Begegnungen und Erlebnisse während 31¾ Jahren an der Elisabethkirche in Marburg zurück.

In Affoldern am Edersee begann meine Zeit als Pfarrer. Viele Begegnungen und kreative Prozesse mit Jugendlichen sind mir in Erinnerung - eine schöne Zeit. Ein Anruf aus Marburg nach sechs Jahren änderte alles. Ich bewarb mich auf die Elisabethkirche und wurde mitten in einer Katastrophe gewählt, die meine Familie gerade erschütterte. Am 1. Mai 1989 begann ich und wurde zu Pfingsten in der Kirche eingeführt, die ich bald als die „schönste der Welt“ entdecken lernte. Führungen halten, Frauenkreis, Bibelkreis, der Gesprächskreis junger Leute, die Konfirmand*innen in der Ortenbergkapelle, die langjährige Sekretärin, die Kollegen mit den wöchentlichen Dienstbesprechungen und der gemeinsamen theologischen Arbeit etwa an den jährlich selbst geschriebenen und erstellten „Gebetsheften“ für die Geburtstagsbesuche. Die vielen Gottesdienste, von denen jeder - bis heute - eine schöne Herausforderung darstellt. Besonders gerne habe ich den Meditativen Gottesdienst von meinem Vorgänger Pfr. Dietrich Müller übernommen und bis heute weitergeführt und vertieft – eine wichtige Zeit der Stille und des Gebets. Mit regelmäßigen Fahrten nach Taizé habe ich in den letzten Jahren versucht, der Spiritualität in der Gemeinde mehr Raum und Zeit zu geben.

Im Herbst 1989 haben wir nach dem friedlichen Fall der Mauer, die nach meiner Wahrnehmung in der Kraft der Kerzen und des Gebetes geschah, versucht dabei zu helfen, dass die Menschen in Ost und West zusammenwachsen können. Wir haben die Kirche geöffnet und die Oberkapelle zu einer Teestube gemacht, wo man sich begegnen konnte, als die Sonderzüge von Thüringen kamen. Unsere Partnerschaften zu Großrodensleben und Niederdodensleben gewannen Lebendigkeit und wir haben mit manchem Spendenprojekt geholfen, die maroden Kirchen und Pfarrhäuser wieder aufzubauen und einander zu besuchen.

Partnerschaft mit Kirchenkreis in Moretele/Südafrika mitgepflegt

Anfang der Neunziger wurde ich im Kirchenkreis für etwa sechs Jahre betraut mit der Leitung des Ausschusses für Mission und Ökumene. Der kümmerte sich hauptsächlich um die 1985 entstandene Kirchenkreispartnerschaft mit dem Kirchenkreis Moretele in Südafrika. Damals - noch unter Apartheitsbedingungen - hatte diese Partnerschaft viele Vorurteile und schmerzhafte Trennungslinien zu überwinden. Jährlich wechselnde Delegationsbesuche mit anspruchsvollem Gastprogramm waren zu organisieren und förderten den Austausch und das Lernen voneinander. Unvergessen ist mir die Delegationsreise 1992, als wir am ersten Tag mit brutaler Waffengewalt überfallen und ausgeraubt wurden. Wie unsere Partner uns danach auffingen, mit allem Notwendigen, vor allem aber mit Liebe beschenkten, ist mir zu einer tiefen spirituellen Erfahrung geworden.

Pilgerkirche als neues Gottesdienstformat

Mit dem Kirchenvorstand waren wir 1992 auf einer Rüstzeit auf der Suche nach einem Familiengottesdienstformat für die Elisabethkirche, bei dem sich ein Element jedes Jahr gut wiederholen ließe. Heraus kam die Pilgerkirche mit einem Pilgerzug durch die ganze Kirche als einem Gleichnis für die Nachfolge und unser Unterwegsein im Glauben. Mit der Pilgerkirche knüpfte der Kirchenvorstand an alte Traditionen an, nach denen im Mittelalter Pilger an Elisabeths Grab gezogen kamen, um zu beten. Mit den Hessisch-ökumenischen-Pilgerwegen entwickelte sich Mitte der neunziger Jahre auch im protestantischen Raum ein immer stärkeres Interesse am Pilgern. In der Elisabethkirche gab es immer mehr Pilger*innen zu begrüßen, zu führen oder mit einem Segen auf ihrem weiteren Weg zu senden. Zur Jahrtausendwende wurde schließlich europaweit ein Netz von Pilgerwegen gelegt, an dessen Knotenpunkt in Marburg die „Pilgrimage 2000“ für Deutschland gefeiert wurde: mit einer ökumenischen Eröffnung durch die Bischöfe im Mai, einem Sternpilgerweg vieler Pilgergruppen im Juli und einer anschließenden Pilgerkirche mit Pilgerfest im September. Ein Jahr später hat die EKHN mit Pfr. Paul Clotz den Elisabethpfad des OHGV von Marburg zum Altenberg von Frankfurt her ausgeschildert und verlängert. Der erste Elisabethpfad war entstanden. Das Pilgern nach Marburg zur Elisabethkirche nahm Fahrt auf und so gründeten 18 Interessierte im August 2002 den Elisabethpfad e.V. und wählten mich zum Vorsitzenden, um mit den anderen im Vorstand dafür zu sorgen, dass das Pilgern auf Elisabethpfaden ermöglicht und gefördert würde. Zum 800. Geburtstag Elisabeths in 2007 entstanden unter der Obhut des Elisabethpfad e.V. in Kooperation mit Jakobsweginitiativen zwei weitere Elisabethpfade von Eisenach (II) nach Marburg und von Köln (III) nach Marburg. Seitdem gehören das Erstellen und Vertreiben von Pilgerführern, das Nachmarkieren der Wege, Angebote von Samstagspilgerführungen und mehrtägigen geführten Pilgerwegen für Gruppen, das Feiern von Pilgersaisoneröffnungsgottesdiensten mit Einzelsegen und die Pilgerkirche mit Pilgerfest zum regelmäßigen Programm, das der Verein zusammen mit der Elisabethkirchengemeinde veranstaltet.

Baumaßnahmen begleitet

Herausfordernd und interessant waren die immer neuen Möglichkeiten der verantwortungsvollen Mitgestaltung bei Baumaßnahmen an der Elisabethkirche. Die erste, an die ich mich erinnern kann, war das Ersetzen von 7,5 KIlometer Zementmörtel, der die Steinkanten wegzusprengen drohte, durch nach mittelalterlichen Rezepten angerührten Kalkmörtel. Dafür wurde die ganze Kirche bis zu den 80 Meter hohen Turmspitzen eingerüstet. Einschneidend für den Kirchenraum war dann der Ausbau der alten maroden Heizung von 1903 und der Einbau einer modernen Heizung mit 16 Heizstationen, bei denen die Luft jeweils gefiltert wird. Dabei mussten die alten Bänke und die hölzernen Podeste, auf denen sie standen, abgebaut werden. Dadurch kam der Fußboden in seiner ursprünglichen Schönheit zur Geltung, wie ihn Friedrich Lange nach der Ketzerbachüberschwemmung von 1844 wieder hergestellt hatte. Die Gemeinde war sich schnell einig, dieser Fußboden soll nicht wieder mit den schwarzen Bänken zugestellt werden. In einem langen Prozess - auch mit einer Gemeindebefragung – entwickelten wir dann einen genau auf den Kirchenraum zugeschnittenen Kirchenstuhl mit Gesangbuchablage und Reihenverbindung. Über 220.000 DM für 650 Stühle konnten durch Spenden aufgebracht werden. Heute ermöglichen die Stühle eine hohe Flexibilität, nicht nur bei Konzerten, Gottesdiensten und Veranstaltungen, sondern auch bei der Herstellung des notwendigen Abstandes während der gegenwärtigen Coronapandemie. Immerhin fasst die Kirche jetzt bei einer 1,5 Meter Abstandsbestuhlung 152 Besucher.

Ein anderes „Bauprojekt“ über die dreißig Jahre hinweg ist die Mikrofonanlage der Elisabethkirche, die immer wieder angepasst und erneuert werden musste. Der Ambo, ursprünglich nur für den Hohen Chor, und der Osterleuchter von dem Fuldaer Künstler Johannes Kirsch beschäftigten mich und veranlassten die Gemeinde, mit der Feier einer Osternacht vom Karsamstagabend in den Ostermorgen hinein zu beginnen.

1997: Erste Webseite der Elisabethkirchengemeinde geht online

Während eines Taufgespräches lernte ich eine interessante Familie kennen, mit der ich mich alsbald befreundete. Der Mann programmierte mit den Inhalten und Ideen, die ich zusammentrug, 1997 die erste Webseite der Elisabethkirchengemeinde, 1998 wurde sie veröffentlicht und gewann gleich zwei Webpreise. In ständiger Veränderung und Anpassung an die Gegebenheiten und Herausforderungen der Zeit besteht sie inzwischen seit 22 Jahren. In Verbindung mit der Webseite für den Kirchenkreis und jetzt dem Gesamtverband mit den angeschlossenen Gemeinden, mit der Entwicklung eines Konzeptes für die Zeitung „Kirche in Marburg“ für alle Haushalte, mit dem Erstellen von Postkarten, Faltblättern, Plakaten und zuletzt dem Elisabethbrief bildet die Webarbeit in meiner Sicht die Grundlage für die Öffentlichkeitsarbeit an dieser „schönsten Kirche der Welt“. Alle Zeit, die ich mit den modernen Medien für die Kommunikation des Evangeliums verbringen konnte, empfinde ich bis heute als eine gesegnete Zeit.

Abschiedsgottesdienst am 31. Januar 2021

Am schwersten fällt es mir, zusehen zu müssen, wie mit meinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst die Ortenbergkapelle außer Dienst genommen werden wird. Aber das sind Emotionen, die den guten Vernunftgründen dafür nicht standhalten können. Im Gottesdienst am 24. Januar 2021 werden wir Abschied von der Kapelle feiern. Und am 31. Januar wird dann der Gottesdienst zu meiner Verabschiedung in der Elisabethkirche stattfinden.

Bei diesem Rückblick gilt mein Dank den Menschen, die ich auf schweren oder schönen Wegen begleiten konnte. Sie haben mir oft mehr zurückgegeben als ich zu schenken in der Lage war. Vor allem bin ich denen dankbar, mit denen ich in all den Jahren so gut zusammenarbeiten durfte, den Kolleg*innen, den Küster*innen, den Kirchenmusi­ker*in­nen, den Sekretär*innen und Hausmeister*innen, den Kirchenvorsteher*innen und den vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, den Menschen am Ortenberg, in der Stadtteilgemeinde und in der Stadt, den mit uns eng verbundenen Christen in „Tabor“, die in den regelmäßigen Stegfestgottesdiensten zum Ausdruck kam, und der ökumenische Austausch mit unserer katholischen Nachbargemeinde Peter und Paul. Das alles wird mir beim Rückblick zu einem reich gesegneten Geschenk an Zeit, das mit dem Wechsel in den Ruhestand Mut macht, mit Freude und Neugier aufzubrechen in eine neue Zeit.