Elisabethkirchengemeinde feierte Erntedankgottesdienst

Geschmückter Erntedankaltar (Foto: Christian Lademann)

Erntedankgottesdienst mit Feier des Abendmahles (Foto: Christian Lademann)

Die Elisabethkirchengemeinde feierte den Erntedankgottesdienst mit Abendmahl am ersten Sonntag im Oktober. Zugleich wurde an die Montagsdemonstrationen in Leipzig und den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren erinnert.

„Herr, die Erde ist voll deiner Güter“, ist der Psalm (104) betitelt, welcher dem Gottesdienst am Erntedanktag – am 16. Sonntag nach Trinitatis - in der Elisabethkirche thematisch passend vorangestellt wurde. Die Gemeinde lobte damit nicht nur Gott, für all das, was er geschaffen hat und am Leben erhält, sondern dankte ihm auch für die „Ernte unserer Arbeit“ in diesem Jahr. Entsprechend war der Altar auch mit vielen Früchten und Erntegaben geschmückt. Auch die Lesung von Lektorin Ruth Knüppel aus dem Markusevangelium, Kapitel 8, 1-9 (Die Speisung der Viertausend), in dem darüber berichtet wird, wie Jesus in der Einöde seinen um ihn versammelten, aber hungernden Mitmenschen mit einem seltenen und kostbaren Ereignis die Fülle Gottes sichtbar machte, knüpfte daran an.

 

Unser den Gottesdienst haltende Pfarrer Achim Ludwig nutzte aber auch das zeitlich passende Datum, um an ein weiteres Ereignis zu erinnern: An 30 Jahre Öffnung der innerdeutschen Grenze (9. November 1989) und die vorangegangene große Montagsdemonstration in Leipzig (9. Oktober 1989). Dazu zitierte er einerseits aus dem Roman „Nikolaikirche“ (1995) des Schriftstellers Erich Loest (1926-2013), der wohl bekanntesten literarischen Auseinandersetzung mit den Wendejahren. Darin betonte etwa der zu den Friedensgebeten einladende Protagonist, der (fiktive, aber an den realen Pfarrern angelehnte) Pfarrer Ohlbaum: „Ich predige den Aufruhr nicht, aber ich denke ihn“ und er beschloss, in schwarzem Anzug zu predigen – solange der Staat mit Knüppeln antwortete, wollte er sich als Trauernder zeigen, heißt es in dem Roman

Pfarrer Ludwig ergänzte: „In diesem Herbst erinnern wir uns an diese Ereignisse vor 30 Jahren, die unser Land verändert haben, und daran, was aus den Ereignissen damals geworden ist“. Die Menschen der DDR wagten sich auf die Straße, gegen ein diktatorisches System, mit Kerzen in der Hand und dem Spruch „Wir sind ein Volk“ auf den Lippen, spürbar kurz vor der Eskalation, während sich der Staat provoziert fühlt, skizzierte Ludwig die damalige Situation: „Auf den Straßen und vor allem in den Kirchen versammelten sich Menschen voller Mut und zugleich mit viel Angst“.

 

Der Predigttext des Erntedankgottesdienste wurde aus dem Buch des Propheten Jesaja im Kapitel 58 gelesen:

„(7) Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

(8) Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

(9) Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,

(10) sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

(11) Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

(12) Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“.“

 

In seiner darauf aufbauenden Predigt machte Pfarrer Ludwig deutlich, dass die tiefe Bindung, die man im Leben mit der eigenen Familie habe, auch in sozialen und politischen Gefügen gelte: „Die Hungernden, die Abgehängten, die Heimatlosen dieser Welt und Gesellschaft sind Mitglieder unserer Familie“. Dabei könne man sowohl an die Flüchtlingsboote, an das überfüllte Flüchtlingslager auf Lesbos oder an die erhitzte Diskussion darüber, dass die evangelische Kirche beschlossen hat, sich an der Rettung Schiffsbrüchiger im Mittelmeer aktiv zu beteiligen, genauso denken wie an die vor den Kirchen sitzenden Bettelnden oder die Verlierer der deutschen Einheit, für die die Grenzöffnung vor 30 Jahren zwar die Freiheit gebracht habe, die aber feststellen mussten, dass sanierte Fußgängerzonen allein keinesfalls das Gefühl verbreiten, nicht nur Bürger zweiter Klasse zu sein.

Zum Sinn des Predigttextes kann man auch lesen: Mein eigenes Leben wird reicher, heller, schöner und glücklicher, wenn ich mich interessiere und für andere einsetze.